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Angeblicher Caravaggio-Fund : Der Mann mit dem schnellen Strich

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Nach solcher Logik, die nichts mit dem Entstehungszusammenhang der Zeichnungen gemein hat, mussten die Forscher ihre langwierige, kostspielige und ungemein verdienstvolle Arbeit mit Schlüsselreizen unserer Epoche aufmöbeln: Sensation und Geld. In heutige, also arg wetterwendische Münze umgerechnet, sollen die hundert Blätter - also nicht die Werke der Kollegen und Peterzanos - einen Wert von siebenhundert Millionen Euro darstellen. Diese Zahl ist nicht nur darum absurd, weil es für Caravaggios wenige Gemälde überhaupt keinen Markt mit Vergleichswerten gibt, sondern weil die Stadt Mailand schon rechtlich aus dem Stiftungsnachlass überhaupt nichts verkaufen darf. Allenfalls könnte eine solche Phantasiezahl einer künftigen Ausstellung der Werke im Mailänder Sforzaschloss oder im Palazzo Reale mehr Schlagzeilen bescheren. Und eine solche Ausstellung wird es irgendwann geben.

Ein graphologisches Argument

Bis dahin, wenn sich das große Publikum einen Eindruck vom Sensationsfund wird machen können, mahnen andere italienische Kunsthistoriker, so die Tageszeitung „Repubblica“, zur „absoluten Zurückhaltung“. Die Kollegen tun dies mit gutem Grund. Denn was den Blättern fehlt, ist ein Dokument, welches die Beteiligung des gesuchten Künstlers - so wahrscheinlich sie sein mag - zweifelsfrei belegt.

Immerhin fand sich in den Blättern Peterzanos ein kurzer Beschwerdebrief an den Meister, dessen rauer Ton unbedingt an den Raufbold und Choleriker Caravaggio denken lässt. Die Forscher sprechen gar von einem Antipodenverhältnis Schüler-Meister, womit sie den Mythos des rabiaten Totschlägers Caravaggio bis in dessen Jugendzeit rückprojiziert hätten. In der Tat präsentierten Bernardelli Curuz und Conconi Fedrigolli ein Zertifikat einer graphologischen Gerichtsgutachterin, dem zufolge nur Caravaggio den Schrieb verfasst haben kann. Was aber beweist diese mögliche Spur? Caravaggio könnte seine Jugendwerke auch allesamt aus der Bottega Peterzanos mitgenommen haben und aus Mailand nach Rom zum Ruhm verschwunden sein. Und was uns heute als Morgenröte eines Jahrtausendgenies präsentiert wird, wäre deren Abglanz in den Studien und Skizzen vergessener Kollegen.

Dieser Schatten des Zweifels wird allzeit auf den Fund fallen, so einleuchtend und faszinierend der Indizienbeweis der Kunsthistoriker auch wirkt. Wenn indes durch die Sensationsmeldungen, ohne die heute Forschungsergebnisse zu italienischer Kunst eines Michelangelo, Leonardo, Raffael augenscheinlich nicht mehr zu haben sind, größeres Interesse an der faszinierenden Genese unserer Optik in den Zeichenblöcken der Manieristen erwächst - umso besser. Denn sicher scheint, dass sich nun, auch durch die gleichzeitige Internet-Publikation der Blätter auf 600 Seiten mit viersprachigem Kommentar bei Amazon, weltweite Neugier auf die nervösen Schraffuren, die Charakterköpfe, die fahrigen Gesten und wundervollen Schattenreflexe von Zeichnungen des Seicento richten wird.

Einblick in sein frühes Schaffen?

Caravaggio ist eben als Maler krisenhafter und gewalttätiger Zustände nicht zufällig auch das derzeit größte Zugpferd des Kunstbetriebs. Seit 2010 die „Ausstellung der Ausstellungen“ Hunderttausende in die Scuderie del Quirinale zog, seit man im Küstenstädtchen Porto Ercole seine mutmaßlichen Gebeine aus einem Massengrab individuierte und ebenfalls 2010 pompös bestattete, wirkt die Erschütterung nach. Mit weniger Aufmerksamkeit zog das römische Staatsarchiv mit einer Schau von faszinierenden Alltagsdokumenten des Künstlers nach. Erst in diesem Frühjahr schloss die Großausstellung „Rom im Zeitalter Caravaggios“ mit Werken vieler Zeitgenossen im Palazzo Venezia ihre Pforten. Und sogar das Geburtsstädtchen namens Caravaggio arbeitet an einer musealen Präsentation mit erstklassigen Faksimiles der Gemälde.

Ähnliche Neugier soll und wird sich nun auf den verstaubten Fondo Peterzano lenken und hoffentlich dabei die Frage nicht aus dem Auge verlieren, warum wir eigentlich an dem harten und doch zärtlichen, helldunklen und doch facettenreichen, volkstümlichen und doch raffinierten, brutalen und doch verletzlichen Schaffen dieses Malers solche Freude haben und uns vielleicht in seiner krisenhaften Biographie wiederfinden. Ein mehr als verstohlener Blick in die Werkstattjahre Caravaggios, was immer von seinem frühen Schaffen noch übrig sein mag, ist da in jedem Fall ein großer Gewinn.

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