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Andy Warhol : Besorgen Sie sich einen Karton

  • -Aktualisiert am

Andys Resteverwertungsphilosophie: Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt erstmals Warhols geheimnisumwitterte „Time Capsules“ - Zettel, Bücher, Fotos, Filme, Schuhe, Unterhosen, Briefe und vieles mehr.

          5 Min.

          Es ist wahrlich ein Coup. Weltweit zum ersten Mal gewährt das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt - in Zusammenarbeit mit dem Andy Warhol Museum in Pittsburgh - Einblick in eines der eigenwilligsten Vorhaben der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts - Andy Warhols geheimnisumwitterte "Time Capsules".

          Was sind das nur für seltsame Schachteln? Residuen des Plunders und der Erinnerung? Lagerstätten des Vergessens? Kaleidoskopische Sammelsurien, komponiert aus dem einst schäumenden Material der Alltäglichkeit eines extravaganten Künstlers? Visuelle Tagebücher oder, wie Mario Kramer, der Kurator der Schau glaubt, "die letzten Wunderkammern"? "Ich arbeite", schreibt Andy Warhol in seiner 1975 erschienenen "Philosophie" von "A bis B und zurück", "gern an Sachen, die irgendwie übriggeblieben und in Vergessenheit geraten sind. Ich habe immer schon gedacht, daß hinter den beiseite gelegten Resten, die keiner mehr haben will, etwas Lustiges stecken könnte. Ein ,Leftover' hat's oft in sich - und außerdem wird Arbeit wiederverwertet."

          Silberner Lindwurm

          Sechshundertelf Time Capsules hat Warhol von Anfang der siebziger Jahre bis zu seinem Tod 1987 zusammengestellt; etwa hundert wurden bislang geöffnet und inventarisiert. Fünfzehn davon werden nun vollständig im MMK ausgebreitet, integriert in die eigene, dank der Ströher-Sammlung exquisite Warhol-Kollektion und ergänzt durch eine "Boîte en valise" von Duchamp sowie Arbeiten von Hanne Darboven, Francis Alÿs, Ilya Kabakov und Lothar Baumgarten.

          Wie ein riesiger, silbern schimmernder Lindwurm ziehen sich lange Reihen von Aluminium-Vitrinen durch das Haus, die Detlev Meyer Voggenreiter dem Bereich der Shop- und Werbedisplays entwunden und fürs Museum umgearbeitet hat. In den Gehäusen wuchern unaufhaltsam und sentimental die banalen und bunten und bösen Blumen des Pop; sie selbst geben sich kühl und distanziert, als handelte es sich darum, minimalistische Arbeiten von Donald Judd nachzuempfinden. Auch wenn das auf den ersten Blick sehr "cool" wirkt, so ist es doch ein Glück, daß der "Rahmen" nicht mit all dem Kram konkurriert, den Warhol sich nicht wegzuwerfen traute. Schließlich handelt es sich um ein monströses Projekt, das aufgrund der gewaltigen Materialmenge und des visuellen Überflusses der Zettel, Bücher, Zeitungen, Fotos, Broschüren, Quittungen, Kataloge, Tonbänder, Filme, Postkarten und Tüten, der Hüte, Schuhe, Unterhosen, Kinderbücher, der Briefe, Einladungskarten, Plakate, Plattencover und Zeitungsausschnitte, der Campbell-Etiketten und des Concorde-Bestecks, der Schallplatten und Filmstills permanent auf einen enzyklopädischen Kollaps zusteuert.

          Schuhe von Clark Gable

          Neben so exotischen Dingen wie einem Samtkleid von Jean Harlow oder Schuhen von Clark Gable dominiert vor allem das Überbordende alltäglichen Kommunizierens, Sortierens, Sammelns und Archivierens diese Mischung aus Überflüssigem und Kuriosem. Was entsteht, ist eine paradoxe Welt, die Schatzkammer und Müllhalde zugleich ist - ebenso "Trash" wie "Treasure". Immer wieder hat Warhol mit dem Gedanken gespielt, die Kartons als Teile eines riesigen Werks zu verkaufen. Handelt es sich also um Warhols letztes Werk? Gar um eine Art Vermächtnis? Oder lediglich um eine "Sentimental Journey" in den Alltag des Mega-Stars und seiner Produktionsöffentlichkeit, der "Factory"?

          Die frühesten Time Capsules gehen vermutlich auf den 1974 erfolgten Umzug Warhols aus seinem Studio 33 Union Square West in neue Räume in einem Gebäude 860 Broadway zurück. Bei dieser Gelegenheit erkannte er, daß schlichte Umzugskartons bestens zum Aufbewahren von Briefen, Zeitungen, Geschenken oder anderen Dingen, die tagtäglich durch seine Hände liefen, geeignet waren. Von da an, so heißt es, habe immer ein solcher Karton neben Warhols Schreibtisch gestanden; war er voll, so wurde er von einem Assistenten verschlossen und datiert.

          Geistige Bürden

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