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Andreas Gursky : Alles im Fluss

Heimspiel am Rhein: Andreas Gursky inszeniert sich als Maler-Fotograf am Rand der Abstraktion im Düsseldorfer Museum Kunstpalast.

          Bangkok glänzt. Der Name der thailändischen Hauptstadt ruft vor dem inneren Auge Bilder von Palästen und berühmten Tempeln, der Morgenröte, des Smaragds und des ruhenden Buddhas hervor, von Pagoden und goldbedeckten Dächern, Statuen und Säulen, himmlischen Residenzen, als die sich heute auch die neuen Hoteltürme darstellen. Die Thai nennen Bangkok offiziell „Krung Thep“: Stadt der Engel.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch „Bangkok“, die neueste, 2011 entstandene Fotoserie von Andreas Gursky, glänzt. Was „Bangkok“, neun große Hochformate, je gut drei auf gut zwei Meter, mit Bangkok zu tun hat, erschließt sich optisch nicht, denn Bangkok wird auf „Bangkok“ nicht erkennbar. Kein Palast und kein Buddha, nur Wasser, und das uferlos, mit Lichtstreifen oder Lichtmosaiken, die der dunkle, unruhige Grund zurückwirft, mal als gezackte, gleißende Vertikale, deren grauer Schatten und orangefarbener Reflex parallel laufen, mal als amorphe, scheinbar fliegende Flecken. Der Grund ist schwarzweiß, dazwischen wimmeln kleine bunte, dunkelgelbe, türkis- und rosafarbene Punkte und Einsprengsel.

          Von der Stadt ist nichts zu sehen, nur der Fluss Chao Phraya, der sich finster und schwerfällig durch sie wälzt und sie, so suggeriert der Titel „Bangkok“, ganz in sich aufgenommen hat. Wie andere Flüsse in anderen Megacitys führt er Unrat mit sich: Abfall und Astwerk, einen Autoreifen, eine Plastikflasche und ein Präservativ, Zeitungs- und auch Blütenblätter - Zivilisationsmüll, aber nicht als Mahlstrom, sondern in einzelnen Schnipseln. Schwarz ist das Wasser, aber fließt es wirklich? Es könnte auch Lava oder Teer, Öl oder Schlick sein. Abwasser. Sauber sieht anders aus.

          Der Fluss reflektiert, quecksilbrig und unruhig. Die Oberfläche täuscht, ein Verblendungszusammenhang. Ist es die Sonne oder ein Scheinwerfer, der den Fluss anstrahlt? Was die Stadt nicht mehr braucht und ausstößt, wird vom Chao Phraya aufgenommen, mitgeschoben. „Alles im Fluss“ erhält einen doppelten Sinn. Hauptverkehrsader und ökologische Katastrophe, selbst glänzend und die Kehrseite des Glanzes.

          Der Fluss ist, wie ihn diese Fotos darstellen, auch schön - und das ganz vordergründig und banal: Wie Lampions liegen und wippen die Lichter auf dem Wasser. Gursky hat die Fotos am Computer bearbeitet, nachgeschönt? Ihre Schönheit schärft ihren Schrecken. Nie war Gurskys Kunst der abstrakten Malerei - Mark Rothko, Barnett Newman, Clyfford Still, Ellsworth Kelly, auch Cy Twombly und Gerhard Richter - so nah.

          Die „Bangkok“-Serie folgt den sechs „Ocean“-Bildern, die Gursky 2010 an die Grenzen des Darstellbaren führten: Mehr Welt, und das in quantitativem Sinn, als in diesen digital behandelten Satellitenbildern lässt sich auf einer Fotografie nicht erfassen. Auf einem von ihnen ragen Madagaskar, die Spitze der indischen Halbinsel, Sumatra und Westaustralien wie Fragmente in den riesigen, in vielen Tiefen blau ruhenden Ozean.

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