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Annie Leibovitz wird siebzig : Schluss mit Mätzchen und Spielen

Annie Leibovitz fotografiert während ihrer internationalen Ausstellungstour im Jahr 2015 mit ihrem Smartphone. Bild: dpa

Mit 23 war sie Cheffotografin des „Rolling Stone“. Den melancholischen Zugriff auf ihr berühmtestes Bild bescherte ihr das Schicksal. Der amerikanischen Starfotografin Annie Leibovitz zum Siebzigsten.

          2 Min.

          Annie Leibovitz wird siebzig. „Schon?“, fragt, wer ihr begegnet, einer sehnigen, agilen Frau mit scharfem Blick hinter den schmalen Gläsern ihrer Brille und einer wehenden Mähne ungebändigten Haars. „Erst“ hingegen sagt, wer ihr Werk ein Leben lang verfolgt hat. Begonnen hat es mit Porträts und Tourneereportagen für den „Rolling Stone“ Anfang der Siebziger, als Annie Leibovitz mit nur dreiundzwanzig Jahren in die Position der Cheffotografin der amerikanischen Musikzeitung stolperte. Zehn Jahre später, 1983, wechselte sie zu dem von ihr mit gegründeten Hochglanzmagazin „Vanity Fair“ und verkehrte fortan unter den Reichen, Schönen und Mächtigen, bis sie durch ihre Aufnahmen selbst Eintritt in ebendiese Gruppe fand und in der Liga der Stars als deren Superstar gefeiert wurde.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Vor knapp zehn Jahren legte sie mit ihrem Bildband „Pilgrimage“ eine Art verfrühtes Alterswerk vor, ein weises Buch, das ganz auf Gesichter verzichtete und stattdessen der Prominenz vergangener Tage über den Umweg von Häusern, Gärten, Zimmern, Einrichtungen und anderen persönlichen Gegenständen nahezukommen versuchte: lauter tote Dichter und Denker, Künstler und Politiker, die zusammen so etwas wie einen Kanon der hehren Kulturgeschichte ergeben – darunter Charles Darwin und Abraham Lincoln, Virginia Woolf und Georgia O’Keeffe, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau.

          Die Idee zu dem Buch und den Pilgerreisen hatte sie gemeinsam mit Susan Sontag entwickelt, ihrer Lebensgefährtin damals. Nach deren Tod setzte sie die Arbeit daran über Jahre hinaus fort. Es muss so etwas gewesen sein wie eine stille Einkehr, eine Besinnung auf frühere Glanzpunkte der Kultur, von der sie sich womöglich einen Weg aus der eigenen Krise erhoffte. Denn es waren binnen weniger Wochen nicht nur ihr Vater und Susan Sontag gestorben, sondern es hatten sich zugleich Schulden von vierundzwanzig Millionen Dollar aufgetürmt, wodurch sie beinahe ihren gesamten Besitz sowie den Zugriff auf ihr Werk verloren hätte. Gründe genug, über das Woher und Wohin des Lebens nachzudenken. Und es bedarf keiner hermeneutischen Begabung, um hinter den Fotografien von Sofas, Kleidern und gepressten Blüten die Frage aufschimmern zu sehen: Was hat Bestand? So zurückhaltend lichtete sie die Gegenstände ab, so behutsam näherte sie sich ihnen, dass man glauben konnte, die Kamera sei ihr Ersatz gewesen für die Hand, mit der es ihr verboten war, die Objekte zu berühren.

          „Pilgrimage“ war die Abkehr vom Pop, von jener Sorglosigkeit, mit der Annie Leibovitz für grelle Effekte immer wieder finanzielle Budgets und ästhetische Grenzen sprengte, um in verführerisch schönen Bildern stets eigenwillige, wenn auch nur selten hintergründige Geschichten zu erzählen. Es war die Abkehr von jenen Verrücktheiten, die zu ihrem Markenzeichen geworden waren. Die schwarze Schauspielerin Whoopie Goldberg hatte sie nackt in eine Badewanne voller Milch gelegt und Bette Midler in Anlehnung an ihre berühmteste Filmrolle nackt auf Hunderte von Rosen gebettet.

          Den Blues Brothers Dan Aykroyd und John Belushi malte sie die Gesichter blau, und Christo wickelte sie auf einer Wiese des Central Park in Leinentücher, bis man ihn nicht mehr erkannte. Es versteckte sich hinter diesem Ansatz freilich auch eine Art Anti-Glamour, der seine Höhepunkte in den Bildern von Steve Martin und Lauren Hutton fand. Während er im schwarz verschmierten weißen Frack vor seinem Gemälde von Franz Kline posierte, suhlt sie, das einst höchstbezahlte Mannequin der Welt, sich im Schlamm. Den melancholischen Zugriff auf ihr berühmtestes Bild indes bescherte ihr das Schicksal: Wenige Stunden nachdem sie im Dezember 1980 John Lennon nackt an Yoko Ono gekauert fotografiert hatte, wurde er vor der Haustür seines Hauses in New York ermordet.

          Der Ernst ihrer Stillleben prägt mittlerweile auch die Porträts, die Annie Leibovitz noch immer fotografiert, zuletzt für die Ausstellungs-Tournee „Women“, die vor drei Jahren über mehrere Kontinente zog. Vierzig Bilder prominenter Frauen waren mit Nadeln an die Wand gepinnt. Ganz einfach, ganz schlicht. Lauter ernste Gesichter, allesamt mit einem selbstbewussten Blick, der unübersehbar zeigt, dass diese Frauen für Mätzchen und Spiele nicht zu haben sind. Annie Leibovitz wird an diesem Mittwoch siebzig.

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