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Wallraf-Richartz-Museum Köln : Diese Brüche muss man aushalten

  • -Aktualisiert am

Der Maler Sanford Robinson Gifford, geboren 1823 in New York und dort 1880 verstorben, hielt die Morgenstimmung am Hudson River 1866 fest. Bild: Terra Foundation for American Art

Gewundene Pfade mit Donnervögeln und Schlange durchs Indianerland: Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt das Beste aus drei Jahrhunderten amerikanischer Kunst.

          „Es war einmal in Amerika“. Alles Wesentliche, was es über die Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sagen gibt, steckt in ihrem Titel. Zum einen erinnert er ans Märchen, zu dessen Inventar archetypische Figuren und variable, an die soziale Realität angelehnte Handlungsstränge gehören. Zum anderen zitiert er Sergio Leones Film „Once Upon a Time in America“. Mit seinen Italo-Western hat der Regisseur ein ganzes Genre einschließlich der darin verhandelten Mythen auf links gedreht und in der schwarzen Galle europäischer Schwermut mariniert. Lange vor ihm wiederum haben amerikanische Künstler die Kollegen aus Europa studiert und deren Bildlösungen so lange umgeformt und durch die Mangel gedreht, bis sie zur eigenen neuen Welt passten.

          Die Ergebnisse dieses Umschreibungsprogramms lassen sich ausgezeichnet an den Porträts der Kolonialzeit und den Historienbildern des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, am besten jedoch an den Werken der „Hudson River School“ überprüfen. Der Name der Gruppe war ursprünglich als Beleidigung gedacht. Er soll von einem Kunstkritiker stammen, der die Landschaftsbilder einiger Maler aus New York schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Mitte des neunzehnten Jahrhunderts abgegriffen und altbacken fand. In der Tat sieht man vielen der Gemälde die Orientierung an europäischen Gepflogenheiten, besonders der Düsseldorfer Schule an. Allerdings haben die Schöpfer zugleich hergebrachte Konventionen verabschiedet oder neu interpretiert. So zeigt Thomas Coles surreal anmutendes Tableau „Vertreibung. Mond und Feuerschein“ von 1828 nicht die naheliegende biblische Szene, sondern eine allegorisch aufgeladene archetypische Wildnis. Von Adam und Eva fehlt jede Spur. Dafür vereinigen sich eine steinerne Brücke und ein Wasserfall in der Bildmitte zu einem Kreuz. Rechts davon ein paradiesisches Tal, linker Hand Felsen und knorrige Bäume.

          Ein Bekenntnis an die Wahrhaftigkeit

          In seinem 1836 veröffentlichten „Essay on American Scenery“ stellt Cole die These auf, die Malerei der Neuen Welt beziehe sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart und Zukunft. Damit wendet er sich bewusst von Europa ab, wo das Historienbild lange Zeit als Garant für höhere Weihen galt. Für Coles Behauptung spricht Frances Flora Bond Palmers Lithographie „Quer durch den Kontinent: Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf“ (1868). Der sperrige Titel zitiert ein Gedicht des Philosophen George Berkeley über den Niedergang europäischer Macht und die Hoffnung auf einen kulturellen Neuanfang in den amerikanischen Territorien. Zu sehen ist eine Dampflok, die von Ost nach West fährt, während im Vordergrund Siedler, Telegrafenmasten und eine Schule versinnbildlichen, wo die Reise hingeht. Letztlich ist die Arbeit eine Darstellung der „Manifest Destiny“, also der gottgewollten, gleichsam märchenhaften Expansion Richtung Pazifik.

          „Club Night“ von George Bellows aus dem Jahr 1907 Bilderstrecke

          Den Hauptakteur dieser Landnahme feiert Frederic Remington als Pionier und Naturbändiger mit seiner Bronze „Der Zureiter“ von 1895. Dabei handelt es sich um einen Cowboy, der sich gerade eben auf einem störrischen Pferd halten kann, welches den Rücken krümmt und ihn abzuwerfen droht. Seine Füße sind längst aus den Steigbügeln gerutscht, aber mit der linken Hand hat er die Zügel noch im Griff. Die unrunde, verbockte Dynamik der Skulptur sucht ihresgleichen, die Kleidung des Reiters ist eine großartige Faltenwurf-Studie, die Details – Waffe, Zaumzeug, Hut – sind ein Bekenntnis an die Wahrhaftigkeit. Temperamentvoller kann Wildwestromantik nicht aussehen.

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