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Alice im Wunderland der Kunst : Pastiche im Plunderland

  • -Aktualisiert am

Lewis Carrols Buch hat anscheinend zu viel Phantasie für die Vorstellungskraft der Ausstellungsmacher: Die Hamburger Kunsthalle scheitert im großen Stil an „Alice im Wunderland“.

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          Sie war das It-Girl der Künstler, Sprachspieler und philosophischen Tüftler: Alice, die Heldin aus Lewis Carrolls Romanen. Es sollten Kinderbücher sein, einer realen Mädchengestalt gewidmet, aber sie verpuppten sich, ähnlich der absurden Raupe im Text, zu Zauberwerken der literarischen und kulturkritischen Spekulation. Die Hamburger Kunsthalle holte nun eine von der Tate Liverpool konzipierte Schau, als tour d’horizon des Wunderwirkens der Alice in der bildenden Kunst.

          Die Zeiten und Genres haben sich ihren Nonsensreim auf die Geschichte vom Mädchen gemacht, das in den Hasenbau stürzt und von dort aus groteske Szenarien durchwandelt. Für die Präraffaeliten war sie das mysteriöse Kind, in dessen Psyche Geheimnisse des Menschseins dämmern. Für die Surrealisten trat sie als Bewohnerin einer Traumwelt auf, in der die Logik scheitert. Der Gegenkultur der sechziger und siebziger Jahre leuchtete der Text schon anhand seiner oberflächlichen Motivik ein: Sind umherschwirrende Grinsekatzen, schrumpfende Räume und Hummer, die Quadrillen tanzen, nicht bereits Kopfgeburten eines berauschten, von rationalen Zwängen befreiten Ich? Die Postmoderne schließlich baut die Kulissen der Märchenwelt nach und reinszeniert Tableaus seines Texts im Werbe- und Modelook der Gazetten.

          Dramaturgisch schief

          Zu jeder Richtung gibt es einschlägige Exponate, es treten - in historisch akkurater Abfolge - auf: frühe Fotos Carrolls von Alice und ihren Schwestern; Bilder von John Millais, Arthur Hughues und weiteren Malern mit dem Faible für Kinder als Chiffren einer sich langsam verrätselnden Moderne; Surrealistisches zwischen Comic-Kitsch - Salvador Dalí, der gemeinsam mit Disney einen „Alice“-Film schuf! - und düsterer Suggestivität. Max Ernsts „Alice 1941“ zeigt das weltliterarische Emblem als überkrustete Statue, immobil, beschwert von den Schichten der Zeitläufte. Aus den sechziger Jahren ist da dann Adrian Pipers „Alice“-Serie, in Form von Jugendstilzitaten mit LSD-Optik. Das hat mit dem revolutionären Potential, über das der Text tatsächlich verfügt, jedoch wenig zu tun. Es gibt keine gültigen Kategorien, man muss sich nur in eine fiktive Gegenwelt hineinträumen, schon lösen sich vermeintlich naturgegebene Verhältnisse in ihr Gegenteil auf: Man kann „Alice“ sehr wohl als linke Systemkritik lesen, aber dafür reicht eben nicht eine in Komplementärfarben vernarrte Waberästhetik.

          Der Fundus ist zwar beeindruckend, immerhin sind 250 Werke zusammengekommen, aber dramaturgisch ist das Ganze schief wie die Staffagen, die man in den frühen „Alice“-Verfilmungen bewundern kann. Das chronologische Konzept steht nämlich im Widerspruch zum Thema selbst: Kausalität, Kontinuität, Konstanz - das sind ja gerade die Kategorien, die durch den Text bezweifelt werden. Carrolls Buch hat scheinbar so viel Phantasie, dass es sich Ausstellungsmacher gar nicht richtig vorstellen können. Nimmt man das zentrale Motiv des Texts ernst - die Erosion eines kohärenten Selbst -, dann ist die Frage eigentlich simpel: Wie schafft man es, dass der Besucher schon beim Betreten der Ausstellung mit Zweifeln an seiner eigenen Identität befrachtet wird? Jede Kirmes kann das womöglich besser als eine Kunsthalle, und vielleicht hätten die Spiegel- und Labyrinthwelten des Rummelplatzes ein besseres Setting abgegeben als viktorianisch veredelte Säle.

          Wiederkehr als modernes Merchandise

          Spiegelung zwecks Erkenntnis, die Tücken der Reflexion - das sind doch alte topologische Hüte, kann man nun sagen. Wer fragt denn seit Foucault und Derrida noch nach dem Subjekt? Ist doch eh’ alles nur Diskurs oder Textbewegung um eine Leerstelle. In der Gegenwart des Netzes aber ist das Selbst dann doch wieder eine spannende Sache: „Sei, was du scheinen möchtest“, sagt die Herzogin zu Alice im Buch, und aus der Perspektive der Digitalität gesehen ist die Heldin ein Avatar, der bestimmte ontologische Ebenen durcharbeitet. Treffend ist deshalb die Videoinstallation „Through the Looking Glass“ von Douglas Gordon. Robert De Niro steht als „Taxi Driver“ vor dem Spiegel und wiederholt notorisch: „Du redest mit mir? Du musst mit mir reden! Du redest mit mir?“ Selbstbezüglichkeit ist ein gefährliches, wenn nicht absurdes Projekt; sie endet unter Umständen im schizophrenen Wahn.

          Aber mit solchen Zwiespältigkeiten lässt sich schwer auskommen, das zeigt sich in Hamburg dann abschließend im Museumsshop. Da macht die Ausstellung einen weiteren großen Sprung zurück, hinter die Erfahrungen mit dem Text und dessen Themen. Die Dingwelt wird im Buch ja transformiert, demoliert, dekonstruiert. Im Shop kehrt sie wieder als modernes Merchandise, vom Kartenspiel übers Geschirr bis zum Schmuck, alles gebrandet mit „Alice“-Motiven. Wie sähe eine Nachbesserung aus? Objekte mit folgender Werbung: „Unbedingt kaufen! Anfassen und mitnehmen verboten!“

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