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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

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Da gebe ich Ihnen hundert Prozent recht, das geht mir nicht anders. Sie sehen ja immer nur eine Minute. Da gibt es nur die Aushilfe, dass Sie irgendeinen Gegenstand im Raum haben, der wieder ein Stück aus dem Film evoziert. Ich habe hier umgelernt. Ich habe sonst viel Dialog und Reden. Sie werden gemerkt haben, das kommt überhaupt nicht vor.

Ihre Stimme ist in Essen, anders als in Stuttgart, weitgehend abwesend.

Vollkommen, das ist alles weg. Der Zuschauer kann sich relativ interaktiv zwischen Räumen bewegen. In Saal sechs liegen Tablets aus, da haben Sie plötzlich eine Situation wie mit einem Buch. Es gibt ja viele Filme bei mir, wo im Bild meinetwegen ein Sternenhimmel zu sehen ist und darin ein Buch, und in dem Buch ist wieder eine Filmszene.

Das ist Ihre Handschrift, das Ineinandermontieren von Medien.

Ja, das ist mein tiefer Wunsch. Lesen tun Sie auch im Film. Lesen tun Sie bei Nebukadnezar an der Wand. Lesen können Sie auch wirkliche Verhältnisse. Man muss das „Lesen“ wieder urbar machen. Jetzt machen Sie ja beim Film noch etwas anderes als Lesen, Sie verfolgen ja sehr lebhaft eine Bewegung. Und die setzen Sie im Kopf wieder neu zusammen.

Und das kann ich, weil ich stillsitze.

Ja… da haben Sie eigentlich recht. Aber es macht mir Lust, mehrere Filme miteinander so zu verbinden, wie man in der Musik Vielstimmigkeit hat. Wenn es mehr Kino gäbe, würde ich auch nicht versuchen, auch noch in einer Ausstellung tätig zu werden. Ich habe mich ja sehr wohlgefühlt in den Programmkinos. Aber nach 1985 wurden die Preise in den Stadtzentren, meinetwegen Frankfurt, so erhöht, dass die Programmkinos eigentlich eines nach dem anderen gestorben sind.

Würden Sie im Zweifelsfall einen Kompromiss eingehen, um mehr Leute zu erreichen?

Nein. Wenn ich mir dadurch Vielstimmigkeit nicht leisten könnte, würde ich sagen, und wenn nur sieben das angucken, ist mir auch recht.

Sie haben vor kurzem Ihre Schwester Alexandra verloren. Was war ihre Bedeutung für Ihr Leben?

Es ist die bedeutendste Person in meinem Leben. Außer meinen Kindern und meiner Frau. Aber sie ist wichtiger als meine Eltern. Denn wir beide, meine Schwester und ich, sind nach der Scheidung übriggeblieben und haben uns zusammengeschlossen. Wenn sie plötzlich aus dem Leben verschwindet, ist das so ähnlich, wie wenn Sie amputiert werden und einen Phantomschmerz haben. Die hab’ ich nun immer für selbstverständlich gehalten. Sie ist eigentlich die Dichterin in unserer Familie, und ich bin der Aufschreiber. Die braucht mir nur eine Geschichte zu erzählen, dann kann ich sie niederschreiben.

Sie haben täglich telefoniert.

Ja. Die erzählt mir was, ich kann die Stimme gut verstehen, ich kann die Tonart von ihr abnehmen, und dann schreibe ich fleißig was nieder.

Der Film, den Sie für sie gemacht haben, ist wunderschön in der Zurücknahme. Sie arbeiten fast nur mit Zitaten, mit wenigen privaten Fotos und mit Filmen, die Sie mit ihr als Schauspielerin gemacht haben. Ich glaube, das ist der leichteste und am wenigsten von Gestaltungsabsicht gezeichnete Film, den ich von Ihnen gesehen habe. Ihr unkünstlerischster Film.

Ja, da würde mir Kunst nicht gefallen. Mir fehlt sie entsetzlich. Ich werde noch weitere Filme für sie machen, aber am besten kann man das, wenn man etwas aufgreift, das sie beschäftigt hat, und darüber einen Film macht. Also diese kleine Souffleursstimme in mir… Es gibt diesen Satz: Es ist etwas in mir, welches spricht. Und das ist sie.

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