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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

  • -Aktualisiert am

Nein.

Passen Sie auf. Wenn Menschen Walfang betreiben, dann wird irgendwann mal ein weißer Wal da sein, und der schlägt zurück. Die Walfänger sind der Algorithmus, und Moby Dick ist der Gegenalgorithmus. Und der schlägt auch zu, wenn er keine Pilotfischchen um sich rum hat. Wir Künstler sind ja Pilotfischchen.

Wieso Pilotfischchen?

Haie haben um sich herum ganz winzige Fische, die die Navigation erleichtern, das sind geborene Navigatoren. Die Haifische brauchen die.

Wenn die Künstler Pilotfischchen sind, besteht Gefahr, dass die absterben?

Das glaube ich nicht, solange die Haifische Navigation brauchen. Die Haifische sind naiv, viel zu instinktgeladen, viel zu schnell. Und die Pilotfischchen sind die kleinen Ratgeber. Ich will die Kunst nicht mit den Pilotfischchen allein vergleichen.

Was würde dann fehlen?

Das kann ich Ihnen so auswendig nicht sagen, aber Navigation ist nur eine Tätigkeit der Kunst. Da müssen Sie auch Hebammenkunst und Zirkuskunst einbeziehen.

Sie sagen, dass Sie sich sicher sind, dass sich Museen zu Werkstätten wandeln. Was macht Sie da so sicher?

Die Erfahrung. Ich habe zum Beispiel in Venedig mit Thomas Demand Filme gemacht, und dann kam der Ben Lerner aus New York, dass ist ein Dichter, den ich sehr liebe, und der hat für die Ausstellung Sonette geschrieben und bei den Filmen mitgemacht. In Italien hatten Sie in der Renaissance einen Zoo der Brutalität, den städtischen Ausbruch von Individualität und Grausamkeit. Zur gleichen Zeit werden die Gegenimpfungen entwickelt, die Wunderkammern, die Künste und die Wissenschaften, und zwar ungetrennt. Das ist der Gegenalgorithmus, den wir im 21. Jahrhundert brauchen. Da dürfen Sie nicht Musik, Kunst, Wissenschaft und Literatur trennen.

Nur ist diese Überwindung der Gattungsgrenzen zu einer Kitschformel geworden. Was hat man denn davon, wenn man die Ausdifferenzierungen der Künste und ihre je eigene Geschichte, Film, Malerei, Skulptur, aufhebt?

Das Gegenteil ist richtig. Ich werde, wenn ich Filme mit Künstlern mache, nicht zum bildenden Künstler, und die werden auch nicht zum Filmemacher. Das Selbstbewusstsein jeder einzelnen Kunst ist die Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt kooperieren können. Aber auf der Ebene der menschlichen Sinne gibt es diese Vereinigung längst. Wenn ich mit dem Auge gucke, werde ich gleichzeitig das Ohr benutzen, das können Sie gar nicht ausschalten. Die Sinne sind immer im Konzert. Eine anständige menschliche Sinnlichkeit muss sich automatisch räuspern, krächzen, niesen oder furzen, wenn es zu feierlich wird. Die Teilung der Künste ist aufgepfropft, und es ist gar keine Grenzüberschreitung, wenn man diese Aufpfropfung unterläuft.

Nun ist das Museum aber darauf ausgerichtet, dass Bilder zur Geltung kommen. Die Oper kann sicher mal was fürs Museum entwickeln, aber im Opernhaus hat sie doch die besseren Mittel. Und Filme im Museum anzuschauen, entspricht eigentlich der zerstreuten Wahrnehmung, wie ich sie auch aus der Fußgängerzone bei der Regelung meiner Bedürfnisse zwischen iPhone und Wurstbude erlebe.

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