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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

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In einem Film für Ihre Schwester Alexandra zeigen Sie im Folkwang die seinerzeit von der Zensur verbotene Abtreibungsszene in „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“.

Warum man Jugend davor schützen muss, weiß ich nicht. Aber ich mache die Zensur ja nicht.

Die Szene ist sehr brutal. Ich kann Leute verstehen, die sagen, ich möchte selber entscheiden können, ob ich das sehe.

Das würde ich auch sagen. Aber wenn ich eine Liebesszene beschreibe, dann ist diese Beschreibung ideologisch, wenn ich die Möglichkeit der Abtreibung nicht mit ins Auge fasse. Schon beim ersten Kuss ist diese Bitterkeit enthalten. Das ist das Leben. Das ist nicht eindeutig. Da können Sie nicht sagen, ich suche mir was aus.

Welche Rolle spielt in Ihrer Arbeit Geschmack?

Gar keine. Jedenfalls wüsste ich nicht, wie ich das Wort anwenden sollte.

Sie sind frei von Dünkel und arbeiten mit so unterschiedlichen Leuten zusammen wie Helge Schneider, Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Während wir Kritiker uns daran abarbeiten, die Theatereffekte von Kiefer zu entzaubern, damit sie nicht so mächtig werden und sich verklumpen und in Geld verwandeln…

… kann man sie auch aufsammeln. Ich habe so eine Art Kinderfreundschaft mit Anselm Kiefer. Unsere erste Zusammenarbeit war „Die Ungeborenen“, für die ich Geschichten geschrieben habe. Da ging es nur um Geburtshilfe, Geburt und Keimruhe. Das hat es wirklich geben ’45: Frauen haben, ohne dass sie es beabsichtigt hatten, die Schwangerschaft in die Länge gezogen, bis die Gefahren vorüber sind. Das ist eine Fantasie, die mich und Kiefer verbindet.

Interessieren Sie sich auch für die Silicon-Valley-Fantasien vom Überleben durch Einfrieren?

Ich habe oft dran gedacht. Wenn ich meine Schwester, die in diesem Jahr gestorben ist, noch irgendwie hätte einfrieren können, hätte ich's getan. Denn sie fehlt mir. Und da würd ich auch was absurdes tun, aber ich glaube nicht, dass das geht.

Ich frage nach der Kryonik, weil die Welt des Silicon Valley und ihre Ideologie in Ihrem Werk weitgehend abwesend sind.

Ich meine auch, dass wir aufrüsten sollten. Wir müssten alles, was die Künste können, einschließlich Musik, zusammenlegen um den Gegenalgorithmus zu Silicon Valley zu machen. Ich unterschätzte das zu keiner Tag- und Nachtzeit. Das sind die Urenkel der Blumenkinder von 1967. Die haben eine Fähigkeit, die ich bewundere und auch für nichts schlechtes halte: Die können sich juvenifizieren. Die laden einfach die ganze Erwachsenheit ab. Kein 18. Jahrhundert, kein 19. Jahrhundert, kein 20. Jahrhundert, die laden einfach die ganze Vorgeschichte ab auf den Misthaufen der Geschichte, fangen neu an und vereinfachen.

Also der Gegenentwurf zu dem, was Sie machen.

Das ist richtig. Aber dass eine Spezies sich entschließt, sich im Jugendalter fortzupflanzen und die ganze Erwachsenheit zu unterlassen, ist etwas, das mich extrem fesselt. Wir sind mal entstanden durch eine Art von Wassertier, wo die Erwachsenen am Meeresboden dösen, aber die Larven extrem agil umherfurchen. Und die sind die ersten Amphibien gewesen. Das heißt, wir sind mal aus so einer Jugendbewegung entstanden. Aber ein Algorithmus macht das, was im Märchen von Dornröschen geschieht: Es sind nur zwölf Geschirre in Gold da, also werden auch nur zwölf Frauen eingeladen, die dreizehnte wird ausgeschlossen, und die versetzt das ganze Schloss in Schlaf. Das ist der Gegenalgorithmus. Der steckt in Moby Dick, verstehen Sie?

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