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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

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Natürlich schafft man bei jeder Transkription etwas Neues. Wir Menschen sind viel zu nervös und zu komplex, als das wir Kopien von irgendetwas machen. Aber dieses Neue kann auch aus einem Fund entstehen. Nehmen Sie einen Zeitungsartikel in der Leipziger Boulevardpresse, da steht drin, dass ein Soldat seine Geliebte Marie gemordet hat, der Soldat heißt Woyzeck, und das greift sich Büchner auf und schreibt ein Stück. Alban Berg ist bis in die Knochen erschüttert, als er das vorgelesen bekommt von Karl Kraus, der hat eine schöne Stimme, die können Sie nicht hinwegdenken. Das führt dazu, dass er die Oper Wozzeck schreibt. Jetzt frage ich Sie, wo ist hier die Avantgarde? Die ganze Konstellation ist dasjenige, was sich bewegt und was Fortschritte erzielt. Das halte ich für Kunst, und die ist von sich aus vernetzt.

Und welche Rolle spielt in dieser Konstellation die menschliche Klugheit?

Da müssen Sie sagen, wo Sie die Klugheit suchen. Wenn Sie sie in der Fußsohle suchen, da ist viel Klugheit drin, für unsere Vorfahren war die genaue Empfindlichkeit, diese kitzelige Fußsohle, lebensentscheidend. Die Klugheit des Fußes ist etwas Anderes als die des Zwerchfells, und die des Zwerchfells ist etwas Anderes als die Klappermaschine des Verstandes. Unsere Haut zum Beispiel halte ich für die klügste Stelle. Wenn Sie es so auffassen, sind unsere Körper, unsere Vorgeschichte, die uns zu Menschen macht, die Wurzel der Kunst. Und die überschreitet gar keine Grenzen, wenn ich sage, man kann schreiben und Bücher machen, Musik hören und wiedergeben und auch neu machen, und man kann beim Film all diese Dinge miteinander verbinden. Was man vermutlich nicht kann mit dem Film, ist eine Aura entwickeln, weil der Film nicht stehen bleibt, der gehorcht nicht. Die Bilder des Films sind extrem rebellisch.

Sie zeigten jetzt zunehmend bewegte Bilder feststehend im Raum: in der Ausstellung „The Boat is Leaking. The Captain lied“ mit Anna Viebrock und Thomas Demand in der Fondazione Prada in Venedig. Und jetzt im Folkwang und im Württembergischen Kunstverein. Wie verändert sich Ihre Arbeit, wenn Sie nicht Film schneiden, sondern eine Ausstellung machen?

Das hat mich überrascht und auch glücklich gemacht. Das ist eigentlich wirkliches Kino. Normalerweise sitzen die Zuschauer wie eine Schulklasse vor einem Flachbild, so geht die Abfertigung kommerzieller Filme am leichtesten. In einer Ausstellung bewegen sich die Menschen, aber auch die Filme, das ist wirkliches 3D. Und das ist für mich eigentlich Film, Film braucht Raum. Ich bin ein ganz treuer Anhänger von Eisenstein und Godard und der klassischen Montage, aber es ist eine andere Art, wenn Sie mehrere Filme als Konstellationen aufeinander beziehen. Das hat eine Entsprechung in unserer Sinnlichkeit. Sie brauchen nur durch die Maximilianstraße zu gehen und sehen so eine Fülle von Eindrücken, und das ist, was die plebejische Filmkunst immer erkannt hat. Mein Idol, der Dadaist Hans Richter, sagte, das soll der Film bringen, und das ist alles im Kino verdeckt unter der Lava der Filmdramatik.

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