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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

  • -Aktualisiert am

Die Blüten darauf sehen verführerisch aus, wie japanische Kirschblüten. Eigentlich wie gehobener Kitsch. Und der Kitsch lügt. Es macht mir sehr viel dialogische Freude, da einen Film gegenzusetzen.

Sie zeigen im Film auch die Bilder vom Anschlag auf den Breitscheidplatz vom letzten Jahr. Und ein Gemälde von der Erschießung von Franz Ferdinand 1914. Wie haben Sie diese Bezüge ausgewählt?

So etwas wie am Breitscheidplatz habe ich nicht für möglich gehalten. Da kann ich meine ganze Dichtung und Fantasie aufwenden, aber wie dieser Mann noch eine Wurst isst neben dem Fabrikgelände, und wie er später vor aller Augen aussteigt, nachdem er die Menschen und die Buden überfahren hat, und dann fährt er nach Italien, marschiert vom Hauptbahnhof Mailand zu einem Vorortsbahnhof und wird erschossen. Ich kann nicht finden, dass Shakespeare gegensätzlichere Konstellationen erzählt.

Und wenn Sie den Bogen schlagen zu 1914, hat sich da etwas verändert in der Art, wie sich der Einzelne in der Geschichte bewegt?

Ich fürchte nein. Ich habe nach 1989 gedacht, dass wir jetzt in ein augusteisches Zeitalter kommen, eigentlich könnte die NATO verschwinden. Der Dezember 1989 ist für mich immer noch weniger ein nationales Erlebnis als ein Abrüstungserlebnis. Da ist Macht einmal demontiert worden. Das war ein politisches Vakuum, das man hätte gestalten können. Von 1990 her sind Konflikte wie jetzt in Pjöngjang oder in Syrien eigentlich unvorstellbar. Wir haben Minenfelder nicht geräumt, und das ist so ähnlich jetzt wie in Frankfurt mit dieser schweren Bombe.

Aber ist diese Bombe nicht ein Zufall der Geschichte? Wertet man sie nicht poetisch auf, wenn…

Naja, Sie können auch sagen, sie ist eine Chiffre an der Wand.

Wofür steht sie?

Das Kleingedruckte der Geschichte liegt unter der Erde und kann jederzeit explodieren. Hütet euch! Arachne, die Spinne, war eine byzantinische Weberin, die in die Kleider für ihre Kunden die ganze Weltgeschichte einmalte, Ovid begeisternd. Athene ist sehr eifersüchtig und verwandelt sie in eine Spinne, sozusagen um die bessere Künstlerin auszuschalten. Das ist die Leihgabe Ovids für's Internet. Das ist mein Wappen, die Arachne. Die beruht darauf, dass man auf die Kleider nicht eine Schrift setzt, sondern Bilder. Bilder und Schriften.

Beschreibt das Ihre Arbeit als Schriftsteller und Filmemacher?

Das würde meine Arbeit genau beschreiben. Diese Art von Fäden verfolgen, Texte verfolgen, etwas ausgraben. Heiner Müller hat mal gesagt, das Poetische heißt Sammeln. Meine Idole wären unter anderem die Gebrüder Grimm, die haben das ja nicht selber gedichtet.

Meinen Sie, dass die Idee des Künstlers, der etwas Neues schafft, im Rückblick eine Fußnote gewesen sein wird, eine Fiktion der Moderne?

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