https://www.faz.net/-gqz-9ib8y

Fotos aus dem Ruhrgebiet : Bilder einer Ordnung, die es nie gab

In dieser Vielfalt hat man sie noch nie gesehen: Die Zeche Zollverein in Essen zeigt Albert Renger-Patzschs Ruhrgebietsfotografien.

          Im Ruhrgebiet ist das Paradoxon nicht Gegenstand der Philosophie, sondern Alltag. Joseph Roth, Autor von Romanen wie „Hiob“ und „Die Kapuzinergruft“ und ein Virtuose des scharfsichtigen Abgesangs, schrieb 1926: „Das Land will immer anfangen, Land zu sein – und kann’s nicht... Es ist keine Landschaft, es ist eine Art langgestreckte Stadtschaft, Industrieschaft...“. Der Porträtist dieser später auch als „Zwischenstadt“ bezeichneten Szenerie, dieses Konglomerats aus Feldern, Freiflächen und alten Dorfkernen, die sich neben gigantische Industrieanlagen schmiegten, in deren Schatten vorstadtähnliche Ansiedlungen wucherten wie später das Unkraut in den zerbombten Straßen, war Albert Renger-Patzsch, geboren 1897 in Würzburg, gestorben als einer der bedeutendsten Fotografen der Neuen Sachlichkeit 1966 in Wamel.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Renger-Patzsch, ein gefragter Auftragsfotograf, hat dieser Landschaft, die keine war und keine ist, sein größtes freies Projekt gewidmet: Seine zwischen 1927 und 1935 entstandenen „Ruhrgebietsfotografien“ umfassen etwa hundertfünfzig Motive. Vor zwei Jahren wurden etwa hundert davon in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt. Jetzt sind sie in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein in Essen zu sehen, ergänzt um weitere zweihundert Aufnahmen aus dem Ruhrgebiet, die zum Teil unveröffentlicht waren. Fast alle Abzüge stammen von der Hand des Fotografen und sind von herausragender Qualität. Damit zeigt das Ruhr Museum Essen auf seiner Sonderausstellungsfläche nicht nur die bisher umfangreichste Ausstellung zum Werk von Renger-Patzsch, sondern erlaubt im Moment der Schließung der letzten Zeche einen faszinierenden Rückblick auf das, was das Ruhrgebiet einmal gewesen ist.

          Die Aura des Überzeitlichen

          Aber zeigen Renger-Patzschs Fotografien tatsächlich Joseph Roths „Stadtschaft“, wie sie damals war? Zunächst einmal handelt es sich um Arbeiten im Stil der Neuen Sachlichkeit, „puristisch, zeitlos, kalt und technisch“ hatten sie zu sein, wie die Kuratorin Stefanie Grebe im ausgezeichneten Katalog schreibt – und das waren sie auch. Aber wenn Renger-Patzsch über seine Arbeitsmethode rückblickend sagt, der von ihm gewählte Bildausschnitt müsse mit einem vor der Aufnahme erstellten „Gedankenbild“ übereinstimmen, die eigene Ausschnitthaftigkeit negieren und als „neuer Bildorganismus“ wie „vom Zufälligen gänzlich befreit“ erscheinen, dann deutet sich an, dass dieser Fotograf einen eigenen Begriff von Realismus pflegte: Er dokumentierte Ordnung dort, wo es sie nicht gab.

          Albert Renger-Patzsch – Die Ruhrgebietsfotografien. In der Zeche Zollverein, ArealA, Schacht XII, Essen; bis zum 3. Februar. Der Katalog kostet in der Ausstellung 29,80 €, im Buchhandel 39,80 €. Bilderstrecke

          Renger-Patzsch zeigt den Ballungsraum, der damals vier Millionen Einwohner hatte, fast ausnahmslos ohne Menschen. Die Straßen: leer. Häuser: wie unbewohnt. Industriebauten: klinisch sauber. Mit einer Vielzahl von Vertikalen – Laternenmasten, Zaunpfählen, Pfosten, Pfählen, Baumstämmen – gliedert er seine Aufnahmen, gibt ihnen eine Struktur, die tatsächlich vom Zufälligen befreit ist. Die Aufnahmen atmen die Aura des Überzeitlichen und überhöhen damit das rein Dokumentarische: Sie ästhetisieren, was ist, und zwar so, als könnte und sollte es nach Willen des Künstlers ewig so bleiben. Sie reinigen den Raum von jeder Historizität.

          Transformation in Permanenz

          Renger-Patzsch kam 1929 ins Ruhrgebiet, wohnte in der Essener Gartenstadt Margarethenhöhe und arbeitete am Museum Folkwang. Über sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten weiß man erstaunlich wenig. Politik und Krieg tauchen im Werk nicht auf. Mit einer Ausnahme: Im März 1943 fotografierte Renger-Patzsch Bombenschäden in Essen, vor allem am Münster in der bei Kriegsende zu neunzig Prozent zerstörten Innenstadt. Als bei einem Angriff im Oktober des folgenden Jahres auch das Museum Folkwang getroffen wird, fallen 18.000 Negative des Fotografen dem Löschwasser zum Opfer. Ende 1944 verlässt Alfred Renger-Patzsch Essen und zieht mit seiner Familie nach Wamel.

          In den Seitenräumen der Bunkerebene der früheren Kohlenwäsche zeigt die Ausstellung wenig bekannte Arbeiten des Fotografen, die bis in die sechziger Jahre reichen: Architekturfotografie aus Gelsenkirchen und Essen, Porträts des Sammlers und Mäzens Karl Ernst Osthaus und seiner Frau Imogen, von Kurt Joos, dem Choreographen, und Hugo Kükelhaus, dem schreinernden Lebenskunst-Philosophen. Renger-Patzsch fotografierte die Tänzerin Mary Wigman, japanische Masken aus der Sammlung Folkwang, die Lohnhalle von Zeche Katharina und den Clubraum im Hotel „Kaiserhof-Reichsraum“, den Chemiefabrikanten Theo Goldschmidt und einen seiner Arbeiter bei der Weißblechentzinnung. Das Ruhrgebiet ist die Transformation in Permanenz. In den besten Aufnahmen dieser Ausstellung meint man zu spüren, wie sich die große Zwischenstadt dieser Bestimmung entgegenstemmt.

          Weitere Themen

          So und nicht anders

          Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

          Es ist nicht leicht, sechzehn zu sein: Matthias Brandt erzählt in seinem Roman „Blackbird“ von einer Jugend in den Siebzigern. Er tut es mit einem traumhaft sicheren Gespür, wovon man reden muss und was man weglässt.

          Eine kleine Parade

          Kolumne „Bild der Woche“ : Eine kleine Parade

          Brest-Litowsk, September 1939: Truppen der Wehrmacht „übergeben“ die polnische Stadt an die Sowjetunion. In der es den „Hitler-Stalin-Pakt“ offiziell nicht gab. Dieses Foto aber macht ihn sichtbar.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.

          3:0 bei Schalke 04 : Bayern und die große Lewandowski-Show

          Nach dem Remis zum Start der Saison zeigen die Münchner „auf“ Schalke ihre ganze Klasse. Beim klaren Sieg ragt vor allem der Torjäger heraus. Es ist ein Spiel voller denkwürdiger Momente.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.