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Friedhofsfeld in Berlin : Zur Grenze der Kunst

Vor dem Kanzleramt soll ein Friedhofsfeld entstehen: Das „Zentrum für politische Schönheit“ verwischt mit seiner Kunst-Aktion eine Grenze, die besser unverwischt geblieben wäre.

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          Dass Deutschland mehr „Verantwortung“ in der Welt übernehmen müsse, ist seit vergangenem Jahr zu einem Leitmotiv führender Politiker geworden. Und Beobachter wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler meinen, dass das schon längst Wirklichkeit geworden sei und sich Deutschland spätestens seit der Euro-Krise zur entscheidenden Kraft innerhalb Europas entwickelt habe.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Insofern befindet sich die Berliner Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ ganz im Einklang mit den führenden Herrschaftsstrategen: Sie bringt tote Flüchtlinge von den Außengrenzen der Europäischen Union ins Berliner Regierungsviertel und macht damit die Menschen, die hinter einem vermeintlich abstrakten und peripheren Problem stehen, mitten im Entscheidungszentrum dieser Union sichtbar. „Verantwortung“ bekommt dadurch eine ursprüngliche Bedeutung zurück, eine etwas andere, als sie möglicherweise ein Manager oder ein Militär im Sinn haben, wenn sie sich auf mehr Verantwortung freuen oder wenn Ursula von der Leyen sagt: „Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland.“

          „Bringen Sie Presslufthämmer mit!“

          So in etwa könnte man jedenfalls die Absichten der Künstlergruppe zusammenfassen, die für Sonntag zu einem Marsch aufs Kanzleramt aufruft, um dessen Vorplatz in ein riesiges Friedhofsfeld zu verwandeln, in eine „den unbekannten Einwanderern“ gewidmete Gedenkstätte. „Bringen Sie Blumen, Schaufeln, Steinpickel oder gleich Presslufthämmer mit!“, heißt es auf der Website der Gruppe. Schon am Dienstag hatte das Zentrum eine Beerdigung auf dem Friedhof in Berlin-Gatow organisiert. Es wurde dort eine Syrerin bestattet, die laut Angaben der Gruppe bei dem Versuch, nach Europa zu fliehen, bei Lampedusa ertrunken war. Mit Zustimmung ihrer Angehörigen hätten Mitarbeiter des Kollektivs den Leichnam aus einem Massengrab exhumiert und nach Deutschland überführt. An der Zeremonie nahmen ein die Bestattung vornehmender Imam, die Mitglieder der Künstlergruppe in Trauerkleidung sowie die am Tag zuvor eingeladenen Journalisten und Kameraleute teil.

          Das „Zentrum für politische Schönheit“ reklamiert, dass es mit dem Ritual den unwürdig beseitigten Opfern der europäischen Abschottungspolitik wieder ihre Würde zurückgeben wolle. Doch zugleich lässt es mit einer eigens installierten Ehrentribüne samt vierzig Stühlen, an deren Rückenlehnen die Namen deutscher Spitzenpolitiker standen, keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Kunstaktion innerhalb des einschlägigen Betriebs handelt. Der reale Leichnam und die realen Vorgänge seiner Exhumierung und abermaligen Bestattung werden da also ein Teil des Kunstsystems. „Zynisch“, wie der abwehrende Reflex leicht lautet, ist das nicht – es dient ja einem ganz und gar unzynischen Zweck. Aber es verwischt eine Grenze, die besser unverwischt bliebe.

          Grenzverletzungsfuror

          Mit einigem Recht gilt die fortgesetzte Grenzüberschreitung als Qualitätsmerkmal zeitgenössischer Kunst, und das „Zentrum für politische Schönheit“ selbst hat auf diesem Feld in den vergangenen Jahren schon viel Ehrgeiz bewiesen: Bei seinen Aktionen etwa gegen Waffenhändler oder gegen die Gleichgültigkeit angesichts des Massakers von Srebrenica hob es die geläufigen Trennungen von Kunst und Aktivismus planmäßig auf. Die Kunst hat eben mehr mit der Realität zu tun, als sich das der routinierte Museums- und Theaterbesucher träumen lässt; sie kann eine Realität eigener Art schaffen, die im Zweifel sogar mit der übrigen Realität konkurrieren kann.

          Doch die auf einen künstlerisch-politischen Effekt berechnete Exhumierung und Beerdigung der Frau aus Syrien spielt nicht einfach verschiedene Bedeutungssysteme gegeneinander aus, um damit einen höheren Wirklichkeitsgrad zu erreichen. Sie spielt zu diesem Zweck vielmehr ein Bedeutungssystem gegen einen verstorbenen Menschen aus. Das verkehrt die Hierarchie, um die es der Künstlergruppe eigentlich geht, in ihr Gegenteil: Statt den einzelnen Menschen in seiner Selbstzweckhaftigkeit als Fluchtpunkt der gesamten Politik (und auch der Kunst) in Erinnerung zu rufen, benutzt es ihn als letztes Glied einer langen kunst- und politiktheoretischen Argumentationskette.

          Paradoxerweise demonstriert das eine Grenze der Kunst in ihrem Grenzverletzungsfuror: In diesem Fall wäre sie der Realität näher gekommen, wenn sie eine Grenze respektiert hätte. So aber kommt leider nur ein Ritual der Kunst und der zugehörigen Beobachtungsinstanzen heraus, kein Ritual, das die herrschenden Verhältnissen an der Wirklichkeit der Frau aus Syrien messen würde.

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