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Foto-Ausstellung in Berlin : Mal mehr, mal weniger als Aktbilder

Bei ihm sieht man durch den Körper hindurch auf den Menschen: Saul Leiters „Dottie, nude“, um 1958. Bild: Saul Leiter Foundation/Howard Gr

Nacktheit im Bild kann alles Mögliche zwischen hoher Fotokunst und platter Pornographie bedeuten. In diesem Kontext zeigt die Ausstellung „Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton: Nudes“, dass mancher mehr war als ein Aktfotograf.

          Die blonde Frau liegt auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. An ihrem rechten Ohr glänzt eine Perle. Sie hat ihr Mieder geöffnet, so dass man ihre Brüste und die ausrasierten Achseln sieht, und schaut direkt in die Kamera. Von links fällt Licht durch ein dreiteiliges Fenster über ihren Körper und das zerknüllte blaue Sommerkleid neben ihr, und bei näherem Hinsehen erkennt man, dass sie nicht auf einem Bett liegt, sondern auf einem mit Zeitungen bedeckten Parkettboden. Die Szene ist sorgsam arrangiert, und doch wirkt sie auf den ersten Blick spontan, und in dieser Spannung zwischen Intimität und Künstlichkeit liegt ihr Geheimnis und ihre Kraft.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Bild entstand 1951 in der New Yorker Wohnung von Saul Leiter, und es ist alles andere als ein gewöhnliches Aktfoto. Dennoch hängt es, zusammen mit gut zweihundert weiteren Abzügen des 2013 gestorbenen Fotografen, in einer Ausstellung der Helmut Newton Foundation in Berlin, die Leiters Aufnahmen gemeinsam mit Aktbildern von David Lynch und größtenteils bekannten Werken des Stiftungsgründers präsentiert. Das erscheint insofern legitim, als der englische Begriff „Nudes“, den der Ausstellungstitel gebraucht, alles Mögliche zwischen hoher Fotokunst und platter Pornographie bedeuten kann, aber es hat auch etwas Besitzergreifendes, weil es Leiters Arbeiten in einen Zusammenhang rückt, in den sie nicht gehören.

          Denn in Leiters Bildern, die über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten in seinem privaten Umkreis entstanden und zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden, kann man etwas entdecken, das bei Newton und Lynch fehlt: Intimität. Sie zeigen keine Fotomodelle oder Schauspielerinnen, sondern Freundinnen und Geliebte des Fotografen, und ihre Requisiten dienen nur dazu, das Ungestellte und Ungekünstelte der Szenen zu betonen.

          Saul Leiter Untitled (Marianne), New York, undated.

          Leiter führte Tagebuch mit der Kamera, er liebte es, seine Frauen als Spiegelbild oder durch Gitter und halb geöffnete Türen aufzunehmen, so als hätte er sie in einem unbewachten Moment ertappt, und wenn er die Stimmung eines Augenblicks festhalten wollte, schickte er sogar den Belichtungsmesser zum Teufel und fotografierte im Gegenlicht oder im Halbdunkel. Das unterscheidet seine Schwarzweißfotos von den Amateur-Akten der Fotomagazine ebenso wie von den Fetischen eines Helmut Newton und den Fleischgebirgslandschaften des pausierenden Filmregisseurs David Lynch.

          Während Lynch die Kamera als Teleskop einsetzt und über Frauenarme, -beine, -bäuche und -hüften gleiten lässt, als erkundete er die Oberfläche eines Asteroiden, und bei Newton von vornherein jede Lebendigkeit durch einen monströsen Stilwillen ausgetrieben ist (so dass die Brustoperationsnarben, die auf dem Oberkörper einer seiner „Domestic Nudes“ aus den neunziger Jahren zu erkennen sind, wie ein zynischer Fauxpas wirken), blickt man bei Saul Leiter immer durch das Objektiv hindurch auf den Menschen.

          David Lynch, Untitled, Lodz, 2000s

          Das macht seine Bilder nicht nur zu Lebenszeugnissen, es gibt ihnen auch eine historische Signatur. Es ist die Welt des Jazz, des Rock’n’Roll, der Beat Generation und der abstrakten Kunst, die Epoche des großen amerikanischen Aufbruchs nach dem Krieg, die hier zu besichtigen ist, nur eben nicht auf der Straße und in den Konzerthallen, sondern im Schlafzimmer, im Bad, auf der Couch. Leiter, das ist wahr, hat nackte Frauen aufgenommen, aber er war dennoch kein Aktfotograf. Er war ein Chronist.

          Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton: Nudes. In der Helmut Newton Foundation Berlin, bis zum 19. Mai. Kein Katalog.

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