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Ai Weiwei im Gropiusbau : Die Dinge im Museum der Schande

Bild: reuters

Ai Weiwei, chinesischer Künstler und Bürgerrechtler, darf immer noch nicht sein Land verlassen. Aus der Ferne hat er eine Ausstellung geplant, die der Gropiusbau in Berlin von heute an zeigt.

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          Eine der seltsamsten Verordnungen der an Irrsinn reichen jüngeren chinesischen Verordnungsgeschichte ist der Erlass, dass die Taxifahrer von Peking vor den Kongressen der Nationalen Volkspartei die Fensterkurbeln hinten in ihren Autos abzubauen haben, damit Fahrgäste keine kritischen Flugblätter aus den fahrenden Wagen werfen können.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das schreibt der Künstler Ai Weiwei in einem seiner Erläuterungstexte, der in Berlin neben seiner Nachbildung einer Pekinger Autofensterkurbel in Glas zu lesen ist. Selten waren Saaltexte zum Verständnis der Kunst wichtiger als hier.

          Hase, Ratte und die Politisierung der Kunst

          Man sieht zwölf schwerstvergoldete Tierköpfe. Ihre Geschichte? Es handelt sich um Nachbildungen der Tierkreiszeichen, die einst in den Gärten des Alten Sommerpalasts von Peking zu finden waren. Dort hatte Kaiser Qianlong von 1747 an einen europäischen Garten anlegen lassen, an dessen Entwurf der Jesuit Giuseppe Castiglione beteiligt war und in dem die Tierköpfe aufgestellt wurden: So, wie die Europäer sich für Chinoiserien begeisterten, interessierten sich die Chinesen für „Europäerien“, wie sie der Leiter des Gropiusbaus, Gereon Sievernich, nennt.

          In den Opiumkriegen wurde der Garten zerstört, zwei der Skulpturen, Hase und Ratte, landeten in der Sammlung von Yves Saint Laurent. Als dessen Lebenspartner Pierre Bergé sie versteigern ließ, forderte China die Arbeiten zurück, Bergé weigerte sich mit Hinweis auf die Menschenrechtslage, schließlich kaufte der Unternehmer und Eigentümer des Auktionshauses Christie’s, François Pinault, die Köpfe und brachte sie feierlich während eines Staatsbesuchs von François Hollande nach China zurück; wenig später durfte er in Peking eine Christie’s-Filiale eröffnen.

          All das verbindet sich mit den Köpfen: die gegenseitigen Projektionen zweier Kulturen, die Verquickung der Interessen von Regierungen und internationalen Unternehmen und ihre neofeudalen Rituale, in denen Kunst als strategisches und symbolisches Kapital fungiert.

          Kämpfer für die Informationsfreiheit

          Hinter jedem Objekt, das wie ein Beweisstück in dieser Ausstellung liegt, verbirgt sich ein Politikum. Sogar ein Raum voller Krabben aus Porzellan wird dank etymologischer Erläuterungen als Bild einer Gesellschaft lesbar, die Kritik nur in versteckter Form äußern kann.

          Woran sich Ai Weiwei als einer der wenigen nicht hält. Der 1957 geborene Sohn des Dichters Ai Qing versuchte früh, an Informationen über die fünftausend Kinder zu gelangen, die im Mai 2008 in Sichuan bei einem Erdbeben in ihren Schulen ums Leben gekommen waren, weil korrupte Funktionäre und Unternehmer minderwertige Materialien verwendet hatten, um den Gewinn aus dem Etat für höherwertiges Baumaterial zu kassieren.

          Im Internet hatte Ai eine Namensliste veröffentlicht; er wies darauf hin, dass diese Kinder nicht Opfer einer Naturkatastrophe, sondern Opfer politischer Missstände, nämlich der Korruption beim Bau öffentlicher Gebäude, geworden waren. Spätestens seitdem ist Ai zum Idol geworden – und zum Opfer teils lebensbedrohlicher staatlicher Repressalien.

          Holzschemel für die Erinnerung

          Der gleichermaßen enorme Einfluss von Ai nach innen – der sich mit dem von Beuys auf seine Schüler vergleichen lässt – und nach außen, also innerhalb Chinas und auf dem internationalen Kunstmarkt, verdankt sich unterschiedlichen Eigenarten seiner Kunst.

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