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Im Gespräch mit Ai Weiwei : „Ich kenne Leute, die noch im Gefängnis sind“

Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist in seinem Berliner Atelier angekommen. Dort treffen wir ihn. Wie haben ihn die Jahre nach seiner Verhaftung verändert? Wie geht es weiter mit seiner Kunst?

          4 Min.

          Welche Wirkung Ai Weiwei in und auf Berlin haben wird, ist noch ganz offen. Als er am Mittwochnachmittag in der Stadt eintraf und als Erstes zu seinem Atelier im Bezirk Prenzlauer Berg fuhr, war noch nicht einmal klar, wie lange er bleiben und was genau er tun wird. „Ich habe bis jetzt keinen Plan“, sagte er: „Ich muss mich erst mal an die neuen Umstände gewöhnen.“ Vor allem aber scheint der Künstler ausgerechnet jetzt, da er „endlich frei“ ist, wie viele Zeitungen anlässlich Ais Ankunft im Lande titelten, nicht ohne weiteres die Rolle des berechenbaren Dissidenten spielen zu wollen, die das deutsche Publikum für ihn vorgesehen hat.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der ehemaligen Brauerei am Pfefferberg, die heute ein elegantes, unter anderen von Olafur Eliasson genutztes Ateliergelände ist, führt hinter einem schwarzen Garagentorverschlag eine steile Treppe tief hinunter in schwach beleuchtete, kühle Katakomben. Die meisten der geräumigen Gelasse sind noch leer, nur in einem stehen säuberlich gestapelt die sechstausend chinesischen Holzschemel von der großen Installation im Gropius-Bau. Von Peking aus hat Ai die Kellerräume zusammen mit seinem Berliner Team zu einem Atelier und Lager umbauen lassen. Jetzt steht er zum ersten Mal selbst in den renovierten Räumen, umgeben von den fünf Mitarbeitern seiner Berliner Dependance, und er ist sehr zufrieden. Als er die Keller noch vor seiner Verhaftung zum ersten Mal besichtigte, hätten sie düster und ziemlich „furchterregend“ ausgesehen, sagt er, aber jetzt findet er sie „quite nice“. Vor allem an dem langgestreckten Besprechungsraum, der in einen Lichthof mit einer wunderbar elliptischen Öffnung zum Himmel mündet, erkennt man Ais Handschrift. Die Stimmen hallen von den unverputzten Mauern hier ganz ähnlich wider wie in seinem Wohn- und Arbeitshaus in Peking. Es ist, als habe er ein Stück Caochangdi, wie sein Pekinger Vorort heißt, nach Berlin mitgenommen.

          Andere warten auf die Verurteilung

          Ai macht es zu seinem Prinzip, Ateliers an verschiedenen Orten zu betreiben; allein in China hat er drei. Die enge Beziehung zu unterschiedlichen lokalen Verhältnissen, zu dem dort anzutreffenden Wissen und Handwerk sei für ihn wertvoll. Warum aber hat er als Ort für seinen sechsjährigen Sohn und zeitweise auch für sich gerade Berlin gewählt und nicht etwa New York, wo er nach 1983 zehn Jahre gelebt hatte? „Ich fühlte immer, Berlin ist ein Ort zwischen New York und Peking: eine internationale junge Stadt, die aber zugleich aus der Vergangenheit kommt.“

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          Und er hat noch etwas anderes mitgebracht als die Architektur. Mitten in ein Milieu, das seine Entscheidungen allenfalls mit den Images der Öffentlichkeit und den kunstinternen Bedeutungssystemen abgleichen muss, platzt plötzlich ein Ernst der Analysen, von dessen Triftigkeit die Existenz abhängt, die Existenz als Künstler, aber auch die ganze physische Existenz. Mit einem solchen Ernst antwortete Ai Weiwei jedenfalls auf die Frage, wie er sich selbst in den vergangenen Jahren entwickelt habe, seitdem er am 3. April 2011 am Pekinger Flughafen verhaftet, 81 Tage lang ohne Anklage an unbekanntem Ort festgehalten wurde und dann unter dem anfangs erhobenen Vorwurf der Steuerhinterziehung zunächst die Stadt und dann das Land nicht verlassen konnte, bis er am 22. Juli dieses Jahres seinen Reisepass zurückerhielt. „Ich musste sehr vorsichtig sein“, sagt er, „weil mir klar war, das, was mir passiert war, konnte mir wieder passieren, und passiert anderen Leuten, die ich kenne, die noch im Gefängnis sind und auf ihre Verurteilung warten.“

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