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Ai Weiwei in Mexiko : Ein Ego aus Lego

  • -Aktualisiert am

Teilansicht eines Kunstwerkes des chinesischen Künstlers Weiwei zu den verschleppten Studenten von Azotyinapa in Mexiko Bild: dpa

Ai Weiwei spielt mal wieder den Weltpolizisten der Kunst. Diesmal erinnert er Mexikaner an ein Unrecht, an das sie selbst seit Jahren erinnern.

          4 Min.

          Wer dieser Tage in die mexikanische Hauptstadt einfährt, dem begegnen meterhohe Plakate mit dem Antlitz des berühmtesten Künstlers Asiens. Die Hände wie ein Fernglas an die Schläfen gelegt, scheint Ai Weiwei geradewegs hineinzuschauen in die Seele des Betrachters. Was das wohl bedeuten mag? Durchblick, Weitsicht, Scharfsinn?

          Nein. Unter dem sich auf die Brust schlagenden Motto „Ai Weiwei meets Mexico“ künden die Poster von der Ausstellung „Resetting Memories“ im Universitätsmuseum der Gegenwartskunst (MUAC). Von April bis Ende Oktober geht es dort um den Fall Ayotzinapa, eines der eklatantesten Beispiele staatlicher Gewalt in Mexiko, sowie um eine rätselhafte Holzpagode aus dem China der Ming-Dynastie.

          Ayotzinapa, ein ärmliches Dorf in der Drogenprovinz Guerrero, war Heimatort von 43 Lehramtsstudenten, die am 26. September 2014 bei einer Protestkundgebung verschwanden. Wie sich später herausstellte, hatten diverse Polizeieinheiten, Militärs sowie Mitglieder des organisierten Verbrechens die Studenten hingerichtet. Lange versuchten die Behörden, das Massaker zu verheimlichen; sie manipulierten Beweismittel, bis heute sind fast alle sterblichen Überreste der Männer unauffindbar. Damals, im Herbst 2014, schlugen Massenproteste empor, der Landtag von Guerrero stand in Flammen, zwischenzeitlich auch das Tor zum Präsidentenpalast in Mexiko-Stadt.

          Der Fall Ayotzinapa muss ihn elektrisiert haben

          Als himmelschreiender Skandal eignete sich das Massaker allerdings auch als Wirtstier für einen Künstler mit dem Prädikat „Aktivist und Dissident“, der kein Unrecht auslässt, mit dem er sich solidarisieren kann: Ai Weiwei, als eine Art künstlerische Weltpolizei zuständig für die ganz großen Themen. Wenn Europa die Flüchtlingskrise umtreibt, lässt sich Ai Weiwei auf Lesbos mit Syrern fotografieren und widmet dem Themenkomplex einen Kinofilm („Human Flow“). Wird Julian Assange verhaftet, pilgert Ai Weiwei ins Gefängnis und postet die Bilder auf Instagram.

          <MC>Ein Gesicht mehr: Ai Weiwei in seiner Installation im Universitätsmuseum von Mexiko-Stadt

          Der Fall Ayotzinapa muss ihn elektrisiert haben. Im zur Ausstellung gehörigen Katalog wird geschildert, wie sich ein Dialog zwischen dem Künstler und den Hinterbliebenen des Massakers entspann: Die Eltern erzählten vom Schmerz über den Verlust ihrer ermordeten Söhne, Ai Weiwei davon, wie er 2011 mal ein paar Wochen in China wegen Steuerhinterziehung im Knast saß. Irgendwie, spürte der Künstler, bestand da eine Wesensverwandtschaft: Verletzte Menschenrechte, staatliche Verfolgung, Unterdrückung.

          Also fuhr sich Ai Weiwei durch den imposanten Kinnbart und ersann „Resetting Memories“. In seinem Fundus fand er eine 400 Jahre alte Holzpagode – das morsche Gerüst war während der Kulturrevolution unter die Räder gekommen und wurde von Ai Weiwei vor dem, genau: Vergessen gerettet, indem er es einem Antiquitätenhändler abschwatzte und seither mit sich um den Globus schleppte (= in neue Kontexte übersetzt).

          Nährboden der Beliebigkeit

          Fun fact: Die Holzpagode stammt aus derselben Epoche, in der sich die Spanier Tenochtitlán untertan machten, das heutige Mexiko-Stadt. Diese Gleichzeitigkeit, so Kurator Cuauhtémoc Medina im Katalog, lasse „viele Schlüsse“ zu. Es ist dieser Nährboden der Beliebigkeit, auf dem Ai Weiweis Schaffenskraft erst wirklich zu florieren beginnt.

          Im großen Ausstellungssaal des MUAC hängen nun die Konterfeis der 43 Mordopfer, farbverfälscht, zusammengesetzt aus einer Million Legosteine. Eine Zeittafel illustriert den Hergang des Massakers und der nachfolgenden Ermittlungen. Diese dokumentarische Arbeit, erbracht vom Helferheer des Kunstimpresarios, lässt jeden verstehen, dass hier zweifellos ein Skandal vorliegt. Ganz sicher hat Ayotzinapa eine Ausstellung verdient.

          Braucht es wirklich einen chinesischen Dissidenten, um die Erinnerung der Mexikaner aufzufrischen?

          Doch was hat nun die obskure chinesische Holzpagode damit zu tun? Ihre gewaltigen Pfeiler nehmen die Hälfte des Ausstellungsraums ein, und wer sich von den Bildern der Massakrierten zu ihr umdreht, dem erscheint sie wie ein Raumschiff von einem anderen Stern.

          Am Tag der Eröffnung dechiffrierte Ai Weiwei seine Installation: Wer alte Dachbalken abreißt, vernichtet die Vergangenheit. Und wer junge Menschen, angehende Lehrer zumal, ermordet, zerstört die Zukunft. Wenn aber Zukunft und Vergangenheit gefährdet sind, auf wem lastet dann alle Hoffnung? Richtig: auf der Kunst. Den Journalisten erklärte Ai Weiwei, sein Ziel sei es, „die Traumata Chinas und Mexikos zu erforschen, mit einer Erzählung, die an die Pflicht appelliert, gesellschaftliche Erinnerung zu konstruieren“. Deshalb laute das Motto der Ausstellung „Erinnerungen wiederherstellen“.

          Nur: Der Massenmord in der mexikanischen Sierra ist so fest im Bewusstsein der hiesigen Gesellschaft verankert wie kaum ein zweiter. Ayotzinapa ist nicht nur zum Symbol für die Straflosigkeit im Land geworden, sondern längst Teil der Popkultur. Vermisstenplakate mit den Konterfeis der Mordopfer sind allgegenwärtig, werden mit Schablonen an Häuserwände gesprayt und so zum kulturellen Allgemeingut einer ohnmächtigen, aber wütenden Zivilgesellschaft. „Uns fehlen 43“, lautet der Schlachtruf, und: „Es war der Staat!“ Braucht es da wirklich einen chinesischen Dissidenten, um die Erinnerung der Mexikaner aufzufrischen?

          Wer derart willkürlich Zusammenhänge konstruiert, um sich selbst ins Spiel zu bringen, muss sich dem Vorwurf der Selbstinszenierung aussetzen. Ai Weiwei lässt im Katalog verlautbaren, zentral für sein Werk sei die Beziehung von Alt und Neu oder Richtig und Falsch – eventuell auch: von Allem und Jedem. Wo im weiteren Sinne alles miteinander zusammenhängt, werden die Bezüge austauschbar und die Interpretationen beliebig.

          Außer der Ruine hat Ai Weiwei noch weiteren Krempel angeschleppt: In einer Ecke liegt eine bunt bemalte Leiter – ist sie vielleicht der Stairway to heaven, auf dem die Opfer in den Himmel der Unvergessenen emporwandeln? In der Mitte des Raumes befindet sich ein Glaskasten mit 25 Reisschüsseln – eine davon ist allerdings umgedreht. Ob sie wohl das Blut einer Minderheit verschüttet hat?

          Und warum eigentlich Legosteine? Diese, so der Katalog, böten „eine einheitliche und farbenfrohe Basis für minderwertige Pass- oder Pressefotos, die eine Äquivalenz der Repräsentation darstellen, die zu einem gewissen Grad das Bild der Armut sozialer Kämpfer und deren Umgebung überwindet und darüber hinaus das Kriterium des ,Politischen‘ in der Wahrnehmung des Betrachters herausfordert“.

          Au Weia.

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