https://www.faz.net/-gqz-9p97o

Ai Weiwei in Mexiko : Ein Ego aus Lego

  • -Aktualisiert am

Teilansicht eines Kunstwerkes des chinesischen Künstlers Weiwei zu den verschleppten Studenten von Azotyinapa in Mexiko Bild: dpa

Ai Weiwei spielt mal wieder den Weltpolizisten der Kunst. Diesmal erinnert er Mexikaner an ein Unrecht, an das sie selbst seit Jahren erinnern.

          Wer dieser Tage in die mexikanische Hauptstadt einfährt, dem begegnen meterhohe Plakate mit dem Antlitz des berühmtesten Künstlers Asiens. Die Hände wie ein Fernglas an die Schläfen gelegt, scheint Ai Weiwei geradewegs hineinzuschauen in die Seele des Betrachters. Was das wohl bedeuten mag? Durchblick, Weitsicht, Scharfsinn?

          Nein. Unter dem sich auf die Brust schlagenden Motto „Ai Weiwei meets Mexico“ künden die Poster von der Ausstellung „Resetting Memories“ im Universitätsmuseum der Gegenwartskunst (MUAC). Von April bis Ende Oktober geht es dort um den Fall Ayotzinapa, eines der eklatantesten Beispiele staatlicher Gewalt in Mexiko, sowie um eine rätselhafte Holzpagode aus dem China der Ming-Dynastie.

          Ayotzinapa, ein ärmliches Dorf in der Drogenprovinz Guerrero, war Heimatort von 43 Lehramtsstudenten, die am 26. September 2014 bei einer Protestkundgebung verschwanden. Wie sich später herausstellte, hatten diverse Polizeieinheiten, Militärs sowie Mitglieder des organisierten Verbrechens die Studenten hingerichtet. Lange versuchten die Behörden, das Massaker zu verheimlichen; sie manipulierten Beweismittel, bis heute sind fast alle sterblichen Überreste der Männer unauffindbar. Damals, im Herbst 2014, schlugen Massenproteste empor, der Landtag von Guerrero stand in Flammen, zwischenzeitlich auch das Tor zum Präsidentenpalast in Mexiko-Stadt.

          Der Fall Ayotzinapa muss ihn elektrisiert haben

          Als himmelschreiender Skandal eignete sich das Massaker allerdings auch als Wirtstier für einen Künstler mit dem Prädikat „Aktivist und Dissident“, der kein Unrecht auslässt, mit dem er sich solidarisieren kann: Ai Weiwei, als eine Art künstlerische Weltpolizei zuständig für die ganz großen Themen. Wenn Europa die Flüchtlingskrise umtreibt, lässt sich Ai Weiwei auf Lesbos mit Syrern fotografieren und widmet dem Themenkomplex einen Kinofilm („Human Flow“). Wird Julian Assange verhaftet, pilgert Ai Weiwei ins Gefängnis und postet die Bilder auf Instagram.

          <MC>Ein Gesicht mehr: Ai Weiwei in seiner Installation im Universitätsmuseum von Mexiko-Stadt

          Der Fall Ayotzinapa muss ihn elektrisiert haben. Im zur Ausstellung gehörigen Katalog wird geschildert, wie sich ein Dialog zwischen dem Künstler und den Hinterbliebenen des Massakers entspann: Die Eltern erzählten vom Schmerz über den Verlust ihrer ermordeten Söhne, Ai Weiwei davon, wie er 2011 mal ein paar Wochen in China wegen Steuerhinterziehung im Knast saß. Irgendwie, spürte der Künstler, bestand da eine Wesensverwandtschaft: Verletzte Menschenrechte, staatliche Verfolgung, Unterdrückung.

          Also fuhr sich Ai Weiwei durch den imposanten Kinnbart und ersann „Resetting Memories“. In seinem Fundus fand er eine 400 Jahre alte Holzpagode – das morsche Gerüst war während der Kulturrevolution unter die Räder gekommen und wurde von Ai Weiwei vor dem, genau: Vergessen gerettet, indem er es einem Antiquitätenhändler abschwatzte und seither mit sich um den Globus schleppte (= in neue Kontexte übersetzt).

          Nährboden der Beliebigkeit

          Fun fact: Die Holzpagode stammt aus derselben Epoche, in der sich die Spanier Tenochtitlán untertan machten, das heutige Mexiko-Stadt. Diese Gleichzeitigkeit, so Kurator Cuauhtémoc Medina im Katalog, lasse „viele Schlüsse“ zu. Es ist dieser Nährboden der Beliebigkeit, auf dem Ai Weiweis Schaffenskraft erst wirklich zu florieren beginnt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.
          Michael Jürgs starb im Juli mit 74 Jahren

          Michael Jürgs’ letztes Buch : Wer tot ist, muss sehen, wo er bleibt

          Eine Seele wirft keinen Schatten: Der Journalist Michael Jürgs hat zwei Wochen vor seinem Ableben sein letztes Buch beendet. In „Post mortem“ surft er durchs Jenseits und trifft dort höchst lebendige Tote.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.