https://www.faz.net/-gqz-9p97o

Ai Weiwei in Mexiko : Ein Ego aus Lego

  • -Aktualisiert am

Im großen Ausstellungssaal des MUAC hängen nun die Konterfeis der 43 Mordopfer, farbverfälscht, zusammengesetzt aus einer Million Legosteine. Eine Zeittafel illustriert den Hergang des Massakers und der nachfolgenden Ermittlungen. Diese dokumentarische Arbeit, erbracht vom Helferheer des Kunstimpresarios, lässt jeden verstehen, dass hier zweifellos ein Skandal vorliegt. Ganz sicher hat Ayotzinapa eine Ausstellung verdient.

Braucht es wirklich einen chinesischen Dissidenten, um die Erinnerung der Mexikaner aufzufrischen?

Doch was hat nun die obskure chinesische Holzpagode damit zu tun? Ihre gewaltigen Pfeiler nehmen die Hälfte des Ausstellungsraums ein, und wer sich von den Bildern der Massakrierten zu ihr umdreht, dem erscheint sie wie ein Raumschiff von einem anderen Stern.

Am Tag der Eröffnung dechiffrierte Ai Weiwei seine Installation: Wer alte Dachbalken abreißt, vernichtet die Vergangenheit. Und wer junge Menschen, angehende Lehrer zumal, ermordet, zerstört die Zukunft. Wenn aber Zukunft und Vergangenheit gefährdet sind, auf wem lastet dann alle Hoffnung? Richtig: auf der Kunst. Den Journalisten erklärte Ai Weiwei, sein Ziel sei es, „die Traumata Chinas und Mexikos zu erforschen, mit einer Erzählung, die an die Pflicht appelliert, gesellschaftliche Erinnerung zu konstruieren“. Deshalb laute das Motto der Ausstellung „Erinnerungen wiederherstellen“.

Nur: Der Massenmord in der mexikanischen Sierra ist so fest im Bewusstsein der hiesigen Gesellschaft verankert wie kaum ein zweiter. Ayotzinapa ist nicht nur zum Symbol für die Straflosigkeit im Land geworden, sondern längst Teil der Popkultur. Vermisstenplakate mit den Konterfeis der Mordopfer sind allgegenwärtig, werden mit Schablonen an Häuserwände gesprayt und so zum kulturellen Allgemeingut einer ohnmächtigen, aber wütenden Zivilgesellschaft. „Uns fehlen 43“, lautet der Schlachtruf, und: „Es war der Staat!“ Braucht es da wirklich einen chinesischen Dissidenten, um die Erinnerung der Mexikaner aufzufrischen?

Wer derart willkürlich Zusammenhänge konstruiert, um sich selbst ins Spiel zu bringen, muss sich dem Vorwurf der Selbstinszenierung aussetzen. Ai Weiwei lässt im Katalog verlautbaren, zentral für sein Werk sei die Beziehung von Alt und Neu oder Richtig und Falsch – eventuell auch: von Allem und Jedem. Wo im weiteren Sinne alles miteinander zusammenhängt, werden die Bezüge austauschbar und die Interpretationen beliebig.

Außer der Ruine hat Ai Weiwei noch weiteren Krempel angeschleppt: In einer Ecke liegt eine bunt bemalte Leiter – ist sie vielleicht der Stairway to heaven, auf dem die Opfer in den Himmel der Unvergessenen emporwandeln? In der Mitte des Raumes befindet sich ein Glaskasten mit 25 Reisschüsseln – eine davon ist allerdings umgedreht. Ob sie wohl das Blut einer Minderheit verschüttet hat?

Und warum eigentlich Legosteine? Diese, so der Katalog, böten „eine einheitliche und farbenfrohe Basis für minderwertige Pass- oder Pressefotos, die eine Äquivalenz der Repräsentation darstellen, die zu einem gewissen Grad das Bild der Armut sozialer Kämpfer und deren Umgebung überwindet und darüber hinaus das Kriterium des ,Politischen‘ in der Wahrnehmung des Betrachters herausfordert“.

Au Weia.

Weitere Themen

Mit diabolischem Vergnügen

Houellebecq-Hörspiel-Box : Mit diabolischem Vergnügen

Hörspiele kompensieren die Schwächen von Romanen: Mit verzweifelter Gutmütigkeit und feiner Ennuie setzt eine „Hörspiel-Box“ den wichtigsten Romanen Michel Houellebecqs ein Denkmal.

Topmeldungen

737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.