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Ai Weiwei : Jeder Kern trägt eine Botschaft

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat in der Tate Modern Millionen von Sonnenblumenkernen ausgestreut - eine Geste mit politischem Hintersinn, die durch den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo besondere Aktualität gewinnt.

          Von weitem nimmt sich Ai Weiweis Installation in der riesigen Turbinenhalle von Tate Modern aus wie jene geharkten Kiesgärten vor den Zen-Tempeln. Tatsächlich aber besteht die graue Fläche aus hundert Millionen Sonnenblumenkernen, die verblüffend naturgetreu handgefertigt sind aus strapazierfähigem Porzellan. Die harten Schalen knirschen unter den Sohlen. Eine Frau sitzt inmitten dieses Meeres und lässt gedankenversunken die Körner durch die Hand rinnen, ein Kind spielt wie im Sandkasten, andere stapfen durch die dicke Hülsenschicht, um die Wirkung zu ermessen. Diese Installation mit politischem Hintersinn, die durch den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo besondere Aktualität gewinnt, soll mit allen Sinnen wahrgenommen werden – und freilich auch mit dem Kopf.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In „Sonnenblumensamen“ lässt der vielseitige chinesische Konzeptkünstler eine Fülle von Assoziationen anklingen, die sich leitmotivisch durch sein Werk ziehen – vom Verhältnis des Einzelnen zur Masse bis zum Phänomen der Massenproduktion unter dem Siegel „Made in China“. Für Ai Weiwei, den Sohn des von Mao verfolgten Dichters Ai Qing, sind die Sonnenblumenkerne symbolisch aufgeladen: Selbst in den härtesten Jahren der Entbehrung und Unterdrückung konnten die Chinesen Sonnenblumenkerne miteinander teilen. Mit dieser Nahrung verbindet der in den Jahren der Kulturrevolution aufgewachsene Künstler Mitgefühl und Freundschaft, Gesten der Humanität in einer inhumanen Ära. Zugleich verkörpern die Kerne das chinesische Volk, pflegte die Propaganda die Chinesen doch als Sonnenblumen zu stilisierten, die treu und ergeben im Licht der „Sonne“ Mao gediehen.

          Fabrikation in alter chinesischer Manier

          Genauso ist die Fabrikation der Porzellanhülsen ein symbolischer Akt: Jedes Stück ist einzigartig, sowohl physisch als auch im übertragenen Sinn, der das Potential des individuellen Ausdrucks meint. Aber die Arbeit kann eben auch als Sinnbild für die Instrumentalisierung der Gesellschaft durch Herrschaft gedeutet werden. Von der Produktion des Tons bis zur Bemalung sind es zwanzig bis dreißig Schritte. Mit diesem aufwendigen handwerklichen Prozess bezieht sich Ai Weiwei, wie er es schon oft getan hat, auf die traditionelle Kunst und Kultur seines Landes, für die die alte Exportware Porzellan geradezu sinnbildhaft steht, und auf deren Verhältnis zur Gegenwart. Er ließ die Kerne in zweieinhalbjähriger Arbeit nach althergebrachtem Verfahren von Handwerkern in Jingdezhen anfertigen, seit Jahrhunderten die Porzellanhauptstadt Chinas. Zeitweilig beschäftigte der Künstler 1600 Menschen, die jetzt ungeduldig auf das nächste Projekt warten.

          Die Sonnenblumenkern-Idee keimte bereits in Ai Weiwei, als er den Auftrag von Tate Modern erhielt, in die Fußstapfen von Künstlern wie Louise Bourgeois, Carsten Höller, Anish Kapoor, Olafur Eliasson und Mirosaw Balka zu treten und die Turbinenhalle zu füllen. Doch hätte die Installation niemals solche Ausmaße angenommen, wäre man nicht mit dieser Herausforderung an ihn herangetreten. Mit der Installation greift Ai Weiwei, dessen Blog das chinesische Regime unterdrückt hat, auch das Motiv der Massenkommunkation auf: Die Besucher sind aufgerufen, ihre Reaktionen zu twittern und in Videokabinen Fragen an den Künstler aufzuzeichnen, die er persönlich im Internet beantworten will. Er seinerseits befragt in einem Video sein Publikum nach den Gefühlen, die seine Arbeit „Sonnenblumenkerne“ in diesem weckt, und danach, was die Installation über die Gesellschaft aussage.

          Auf die Frage, ob er einen Besuch des chinesischen Botschafters erwarte, antwortete Ai Weiwei, er rechne wohl damit, dass wenigstens ein Vertreter der Botschaft sich die Installation anschauen werde. In allen Punkten, die das Eingreifen der chinesischen Führung betreffen, reagiert der Künstler mit der Gelassenheit dessen, der sich seiner Sache sicher ist. Der Nobelpreis für Liu Xiaobo werde zwar keine spürbare Wirkung haben, meinte er, doch sei die Verleihung eine Geste, die junge Menschen ermutige, sich frei auszudrücken. Die Regierung sperre sich zwar gegen die Reform, doch sei das Verlangen nach größerer Freiheit derart stark, dass es früher oder später erfüllt werden müsse – bloß wisse niemand, wie das geschehen werde. Unterdessen greift die Führung Chinas durch – wie das Museum, das täglich das aufgewühlte Feld der Kerne beharkt, um die Spuren der Besucher zu beseitigen.

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