https://www.faz.net/-gqz-70izm

Ai Weiwei im Gespräch : Wir werden ein Desaster erleben

  • Aktualisiert am

Das Dorf, in dem Ai Weiwei lebt, nennt sich neuerdings „Caochangdi Art Zone“. Der Künstler findet, die einzige harmonische Gesellschaft in diesem Land sei die der Hunde und Katzen in seinem Garten.

          7 Min.

          Der Hauptteil des Films „Never sorry“ über Sie endet vor Ihrer Verhaftung im letzten Jahr. Was hat sich seitdem für Sie geändert?

          Der Film läuft auf diese Verhaftung zu. Man kann die Frustration sehen, auf meiner Seite, bei der Gesellschaft, den jungen Leuten, die ich beeinflusst habe, und auch bei der Regierung, den Funktionären. Das führte dann zu der Haft, die 81 Tage lang dauerte. Der chinesische Staat hat bis heute nicht offen meinen Fall diskutiert. Also, da gibt es keine Veränderung von Seiten der Regierung. Was mich betrifft, spreche ich weiter mit der Presse, twittere weiter, versuche weiter an meinen Recherchen zu arbeiten wie vorher. Wenn sich etwas geändert hat, dann ist es mein Verständnis der Situation. Bis heute sehen wir kein Anzeichen dafür, dass die Regierung eine politische Reform will. Es gibt keinen Sinn dafür, dass es Raum für freie Diskussion geben sollte. Es gibt kein Zeichen dafür, dass die Regierung die Unabhängigkeit des Rechtssystems sicherstellen will. Ohne eine solche Reform wird die sogenannte Entwicklung Chinas aber ein Desaster sein, wird nirgendwohin führen. Sie wissen, Leute, die das Geld und die Macht haben, schicken ihre Kinder in den Westen zur Schule, bringen ihr eigenes Geld ins Ausland und lassen die Probleme hier zurück. Es gibt immer noch keine Vision, keinen Mut, keine Vorstellungskraft.

          Wie interpretieren Sie heute, was Ihnen im vergangenen Jahr geschehen ist?

          Ich habe mich immer gefragt: Warum passiert das im jetzigen Augenblick, was ist der Grund dahinter, warum veranstalten sie so eine Verhaftung im Geheimen? Sie unternahmen eine Riesenanstrengung, stellten über zweihundert Beweisstücke von unseren Computern sicher, untersuchten sogar die Wohnungen unserer Mitarbeiter in ihren Heimatorten in anderen Provinzen, ihre Verwandten, Geschwister, Eltern, ihre Arbeitseinheiten, alles wurde untersucht. Und dann ließen sie mich plötzlich frei. Ich fragte: Warum lasst ihr mich frei? Keine Antwort. Das, was sie mir sagten, war: Ai Weiwei, wir können dir nicht sagen, weshalb wir dich verhaftet haben, und wir können dir nicht sagen, warum wir dich freigelassen haben. Was wir dir sagen können ist, dass wir dich wieder verhaften können und dass wir dich nicht wieder freilassen müssen.

          Hatten Ihre Verhaftung und Ihre Freilassung eventuell mit Machtkämpfen innerhalb der Partei zu tun, wie sie jetzt durch die Absetzung und Verhaftung des Politbüromitglieds Bo Xilai sichtbar geworden sind?

          Natürlich gibt es politische Kämpfe in jeder Partei in der Welt, aber in China besonders, weil nichts offen ist. Alles wird im Geheimen gemacht in den letzten sechzig Jahren oder noch länger in der Geschichte der Kommunistischen Partei. Wir wissen noch nicht einmal, was vor fünfzig Jahren, vor vierzig Jahren, vor dreißig Jahren passiert ist, was auf dem Tiananmen-Platz passierte, wer die Entscheidung traf. Niemand weiß es. Es gibt keine Rationalität, keine Information. Wenn es aber ein Staat ablehnt, sich selbst zu erklären, wie es seine Verantwortung ist, dann ist dieser Staat intellektuell vollkommen paralysiert. Das Denken hat keine Fundierung, keine Begründung. Wenn man Schach spielt, muss man einen Zug nach dem anderen machen. Da gibt es Logik und Auseinandersetzung. Man kann nicht Schach spielen und ständig die Regeln wechseln, während man spielt, oder den Tisch nach drei Zügen umwerfen. Ich habe ihnen gesagt: Wie könnt ihr gute Schachspieler sein, wenn ihr noch nach sechzig Jahren nicht über drei Züge hinauskommt! Sie haben sich selbst dumm gemacht. Die Macht nicht zu teilen wird zu einem Raketengeschoss gegen sich selbst. Seit sehr langer Zeit haben sie die Berührung mit der Realität verloren. Man kann sehen, wie alles, was sie sagen, zu einem Witz wird, die Leute fangen an, sich bei Weibo, dem Mikrobloggerdienst, darüber lustig zu machen.

          Sie meinen, man kann kaum darüber spekulieren, was innen drin passiert.

          Sogar ihre eigenen Leute wie Bo Xilai behandeln sie so. Am ersten Tag meiner Haft sagte mir einer der Polizisten: Ai Weiwei, weißt du, als Präsident Liu Shaoqi vor über vierzig Jahren verhaftet wurde (während der Kulturrevolution fiel Staatspräsident Liu Shaoqi, den Mao ursprünglich als seinen Nachfolger auserkoren hatte, in Ungnade und wurde als „Verräter, der den kapitalistischen Weg geht“, denunziert, Anm. d. Red.), hielt er den Text der Verfassung in der Hand und sagte: Ich bin geschützt, immun durch die Verfassung, denn ich repräsentiere die Nation (lacht). Unser Recht heute ist nicht weit von dem damals entfernt. Jeder Staatspräsident kann immer noch in die gleichen Umstände geraten. Die Leute, die mich verhört haben, haben Jura studiert, sie sprachen klar und offen mit mir, eine Art Warnung: Sei nicht dumm! Tatsächlich haben sie mir sehr bei meinem Denken geholfen. Sei nicht naiv, du darfst nicht zu viele Hollywood-Filme gucken, wir sind hier, wir kennen kein Gesetz.

          Gibt es innerhalb dieser Black Box möglicherweise Leute, die ähnlich denken wie Sie?

          Ich glaube, sie verstehen alle, was ich sage. Nichts von dem, was ich sage, ist besonders tiefgründig. Es geht um etwas sehr Einfaches, Essentielles, sehr grundlegende Möglichkeiten, die jeder haben sollte. Aber in der Realität sind sie natürlich alle begrenzt durch ihre eigene Position, ihre eigene Struktur. Die nächste Frage ist, was das bedeutet. Kann dieses System aus sich selbst heraus überleben? Ich glaube nicht. Das ist ein selbstmörderisches System.

          Welche Perspektive könnte es für die Gesellschaft dann geben?

          China ist ein Teil der Weltwirtschaft und der Weltpolitik geworden. In der Globalisierung hängen Europa, China und Amerika voneinander ab, sind „strategische Partner“ oder etwas in dieser Art geworden. Das ist sehr wichtig, weil es bedeutet, dass China sich allgemeinen Werten anpassen muss. Für den Westen ist dies zugleich eine Herausforderung seiner Moral. Die Welt wird nicht nur durchs Geschäft getrieben. Unser Überleben betrifft nicht nur die Ökonomie, sondern auch unser Denken, die Zivilisation ist aus einem langen Kampf um gleiche Rechte, Menschenrechte, Redefreiheit hervorgegangen. Bei diesen Dingen darf man nicht um eines kurzfristigen Profits willen schwanken. Eine andere Sache ist das Internet. Dieses Medium stellt ganz neueKommunikationswerkzeuge zur Verfügung. Das macht die jüngere Generation viel unabhängiger als die vorhergehende. Diese beiden Umstände sind desaströs für jede autoritäre Gesellschaft, für jede geschlossene Gesellschaft. Es ist nur eine Frage der Zeit.

          Vor kurzem wurde Ihre Klage gegen die Pekinger Steuerbehörde akzeptiert, die von Ihrer Firma hohe Nachzahlungen und Strafgebühren verlangt hatte. Wie deuten Sie das?

          Wir können kein Eingeständnis erreichen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Aber wir können die öffentliche Meinung für uns gewinnen. Sie sagen, mein Fall hat nichts mit Politik, mit Menschenrechten zu tun, es geht um Wirtschaftsverbrechen. Das ist eine reine Erfindung. Als eine Lehre aus der Jiang-Zemin-Zeit wollen sie sich nicht mehr mit politischen Dissidenten auseinandersetzen, sondern lieber mit Kriminellen. Das zeigt eine Regierung, die zum Streit, zur Diskussion ihrer Ideologie gar nicht mehr in der Lage ist. Moralisch sind sie damit in einer sehr schlechten Position. Wir mussten also unseren Fall dazu nutzen, der Welt zu sagen: Sie können das nicht machen. Also haben wir geklagt, und jetzt mussten sie die Klage akzeptieren. Oft haben sie ähnliche Klagen zurückgewiesen, aber unser Fall wurde so offen diskutiert, dass sie ihn annehmen mussten. Wir müssen jetzt auf den Gerichtsbeschluss warten.

          Was ist Ihr jetziger Status gegenüber dem Staat? Welche Signale bekommen Sie?

          Das Signal, das ich bekomme, ist: Wenn meine Kautionszeit am 22.Juni endet, werde ich meinen Pass zurückbekommen, und ich kann wieder frei sein. Aber natürlich: Sie geben einem ein Signal ohne eine rechtliche Basis. Sie können es immer verändern.

          Wie laufen diese Gespräche mit der Polizei ab?

          Sie sind sehr höflich, es sind alles feinfühlige Leute. Aber natürlich sind sie Teil des Systems.

          Im Film sagen Sie an einer Stelle, dass Sie sich wie ein Schachspieler sehen: Jemand tut etwas, Sie reagieren und so weiter. Oft sagen Sie, dass es nicht so wichtig ist, ob etwas als Kunst bezeichnet werden kann oder nicht. Aber was ist dann wichtig für Sie? Was ist der Boden für Ihre Art Schachspiel?

          Wir sind alle in diese Welt durch irgendeine Art Zufall gekommen. Mein Schluss daraus ist: Was immer man tut, man sollte immer ganz und gar beteiligt sein. Zufälligerweise bin ich nun Chinese, und mein Vater war in die Politik verstrickt, und als ich aus dem Ausland zurückkam, merkte ich, dass die politische Situation die Lebensqualität von jedermann betraf. Als Künstler, als jemand, der sich täglich mit Ausdruck und Kommunikation beschäftigt, begann ich damit, zu versuchen, sehr grundlegende Rechte wahrzunehmen. Was ich getan habe, kann jeder tun. Aber aufgrund der politischen Umstände, der rigiden Haltung der Regierung gegenüber jeder Art von kritischer Meinung wurde ich ziemlich berühmt als jemand, der Mut hat. Ich muss mich von Rationalität und dem leiten lassen, woran ich glaube. Das kann ich nicht einfach aufgeben.

          Manche Leute, auch im Westen, sehen Sie als ganz und gar „verwestlicht“ an. Aber mir scheint, es gibt in Ihnen auch sehr chinesische, vielleicht taoistische Elemente. Sie wollen zum Beispiel nicht zu sehr von Konzepten, Definitionen abhängen und versuchen stattdessen, ganz im Augenblick zu leben.

          (Lacht) Ich glaube, Sie haben jetzt eine gute Analyse von mir gemacht. Ich habe beide Seiten in mir. Auf der einen Seite bin ich sehr vom Westen beeinflusst, von seiner Rationalität, aber gleichzeitig bin ich Chinese und habe diese unmittelbare Reaktion auf das Leben, was eine taoistische Herangehensweise ist, auch eine buddhistische. Ich habe das nie näher untersucht, aber wenn Sie darüber sprechen, kann ich es erkennen. Für mich gibt es nichts, was zu klein oder zu unwichtig wäre, ich gebe dem nicht weniger Bedeutung als den großen Themen, wenn es die gibt. Für beide Seiten bin ich deshalb auch unberechenbar, weil ich auf eine Weise handele, die nicht so normal ist.

          Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ablauf der Kaution? Wie steht es mit Ihrem Lehrauftrag an der Berliner Universität der Künste und mit Ihrem Atelier in Berlin?

          Ich habe nie langfristige Pläne. Das hat auch die Polizei während der Verhöre herausgefunden. Ich lasse mich nicht vom Westen aushalten, bin kein Teil irgendeiner Anti-China-Gruppe. Ich bin ein Künstler, der auf eine Situation reagiert. Mein kurzfristiger Plan nun ist: Ich habe in der ersten Oktoberwoche eine Ausstellung in Washington, D.C, das ist meine erste Ausstellung in Amerika. Dann werde ich kurz in New York sein, Freunde sehen, Gespräche führen. Dann werde ich nach Deutschland gehen. Ich werde in Berlin mit der Universität der Künste sprechen, wie die Möglichkeiten meiner Dozentur aussehen könnten. Zweitens arbeite ich mit einigen Leuten zusammen, um einen Kommunikationsort mit Arbeits- und Ausstellungsräumen mit begrenztem öffentlichen Zugang zu entwickeln, gleich neben dem Studio von Olafur Eliasson, nicht weit weg vom Alexanderplatz (im Pfefferberg im Bezirk Prenzlauer Berg, wo Olafur Eliasson 2009 eine ehemalige Brauerei zu einem dreistöckigen Atelierhaus mit angeschlossenem „Institut für Raumexperimente“ umgebaut hat, Anm. d. Red.). Das wird mindestens ein Jahr dauern. Es gibt viele Galerien und Lokale dort, wie in Soho. Ich hatte auch einen Ort weiter draußen zur Auswahl (das ehemalige Kombinat VEB Kabelwerk Oberspree im Bezirk Oberschöneweide, Anm. d. Red.), aber ich habe mich nun dafür entschieden. Olafur unterrichtet dort auch, er hatte mich mit der Universität in Kontakt gebracht. Er hat mir viel geholfen. Ich werde unter Olafurs Gebäude sein, in einem alten Bierkeller. Es ist dunkel und kalt dort, ein cooler Ort (lacht). Ich habe lange Zeit im Untergrund gelebt. Als meine Familie nach Xinjiang verschickt wurde, wohnten wir in einer Grube unter der Erde, und in New York lebte ich in Kellerwohnungen. Ich finde, das ist in Ordnung, aber für Deutsche ist es unvorstellbar, an so einem Ort zu sein, sie brauchen den Sonnenschein.

          Was würden Sie gern an der Universität lehren?

          Etwas über freien Ausdruck, aber ich habe noch keine konkreten Ideen.

          Weitere Themen

          Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

          Leben am Tatort

          Archipel Jugoslawien : Leben am Tatort

          Was sind das für Menschen, die sich im Krieg von ihrer schlimmsten Seite gezeigt haben? Wie können wir sie stoppen? Fragen eines serbischen Schriftstellers.

          Topmeldungen

          Lässt Statistiken für sich sprechen: Premierminister Boris Johnson

          Londons stiller Triumph : Das Ende der Astra-Zeneca-Skepsis

          Die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs in Berlin und Paris haben in London Befremden hervorgerufen. Das Einschwenken beider Länder auf den britischen Impfkurs wird nun mit Genugtuung quittiert.
          Konzernzentrale und Stammwerk: der Daimler-Standort in Untertürkheim

          E-Auto statt Verbrennungsmotor : Daimler baut sein Stammwerk um

          400 Millionen Euro an Investitionen sollen Stuttgart-Untertürkheim ins Elektrozeitalter bringen. Statt Verbrenner-Großserie heißt es künftig: E-Auto-Campus und Batteriezellproduktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.