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Ai Weiwei im Gespräch : Wir werden ein Desaster erleben

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Wir sind alle in diese Welt durch irgendeine Art Zufall gekommen. Mein Schluss daraus ist: Was immer man tut, man sollte immer ganz und gar beteiligt sein. Zufälligerweise bin ich nun Chinese, und mein Vater war in die Politik verstrickt, und als ich aus dem Ausland zurückkam, merkte ich, dass die politische Situation die Lebensqualität von jedermann betraf. Als Künstler, als jemand, der sich täglich mit Ausdruck und Kommunikation beschäftigt, begann ich damit, zu versuchen, sehr grundlegende Rechte wahrzunehmen. Was ich getan habe, kann jeder tun. Aber aufgrund der politischen Umstände, der rigiden Haltung der Regierung gegenüber jeder Art von kritischer Meinung wurde ich ziemlich berühmt als jemand, der Mut hat. Ich muss mich von Rationalität und dem leiten lassen, woran ich glaube. Das kann ich nicht einfach aufgeben.

Manche Leute, auch im Westen, sehen Sie als ganz und gar „verwestlicht“ an. Aber mir scheint, es gibt in Ihnen auch sehr chinesische, vielleicht taoistische Elemente. Sie wollen zum Beispiel nicht zu sehr von Konzepten, Definitionen abhängen und versuchen stattdessen, ganz im Augenblick zu leben.

(Lacht) Ich glaube, Sie haben jetzt eine gute Analyse von mir gemacht. Ich habe beide Seiten in mir. Auf der einen Seite bin ich sehr vom Westen beeinflusst, von seiner Rationalität, aber gleichzeitig bin ich Chinese und habe diese unmittelbare Reaktion auf das Leben, was eine taoistische Herangehensweise ist, auch eine buddhistische. Ich habe das nie näher untersucht, aber wenn Sie darüber sprechen, kann ich es erkennen. Für mich gibt es nichts, was zu klein oder zu unwichtig wäre, ich gebe dem nicht weniger Bedeutung als den großen Themen, wenn es die gibt. Für beide Seiten bin ich deshalb auch unberechenbar, weil ich auf eine Weise handele, die nicht so normal ist.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ablauf der Kaution? Wie steht es mit Ihrem Lehrauftrag an der Berliner Universität der Künste und mit Ihrem Atelier in Berlin?

Ich habe nie langfristige Pläne. Das hat auch die Polizei während der Verhöre herausgefunden. Ich lasse mich nicht vom Westen aushalten, bin kein Teil irgendeiner Anti-China-Gruppe. Ich bin ein Künstler, der auf eine Situation reagiert. Mein kurzfristiger Plan nun ist: Ich habe in der ersten Oktoberwoche eine Ausstellung in Washington, D.C, das ist meine erste Ausstellung in Amerika. Dann werde ich kurz in New York sein, Freunde sehen, Gespräche führen. Dann werde ich nach Deutschland gehen. Ich werde in Berlin mit der Universität der Künste sprechen, wie die Möglichkeiten meiner Dozentur aussehen könnten. Zweitens arbeite ich mit einigen Leuten zusammen, um einen Kommunikationsort mit Arbeits- und Ausstellungsräumen mit begrenztem öffentlichen Zugang zu entwickeln, gleich neben dem Studio von Olafur Eliasson, nicht weit weg vom Alexanderplatz (im Pfefferberg im Bezirk Prenzlauer Berg, wo Olafur Eliasson 2009 eine ehemalige Brauerei zu einem dreistöckigen Atelierhaus mit angeschlossenem „Institut für Raumexperimente“ umgebaut hat, Anm. d. Red.). Das wird mindestens ein Jahr dauern. Es gibt viele Galerien und Lokale dort, wie in Soho. Ich hatte auch einen Ort weiter draußen zur Auswahl (das ehemalige Kombinat VEB Kabelwerk Oberspree im Bezirk Oberschöneweide, Anm. d. Red.), aber ich habe mich nun dafür entschieden. Olafur unterrichtet dort auch, er hatte mich mit der Universität in Kontakt gebracht. Er hat mir viel geholfen. Ich werde unter Olafurs Gebäude sein, in einem alten Bierkeller. Es ist dunkel und kalt dort, ein cooler Ort (lacht). Ich habe lange Zeit im Untergrund gelebt. Als meine Familie nach Xinjiang verschickt wurde, wohnten wir in einer Grube unter der Erde, und in New York lebte ich in Kellerwohnungen. Ich finde, das ist in Ordnung, aber für Deutsche ist es unvorstellbar, an so einem Ort zu sein, sie brauchen den Sonnenschein.

Was würden Sie gern an der Universität lehren?

Etwas über freien Ausdruck, aber ich habe noch keine konkreten Ideen.

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