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Ai Weiwei im Gespräch : Wir werden ein Desaster erleben

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China ist ein Teil der Weltwirtschaft und der Weltpolitik geworden. In der Globalisierung hängen Europa, China und Amerika voneinander ab, sind „strategische Partner“ oder etwas in dieser Art geworden. Das ist sehr wichtig, weil es bedeutet, dass China sich allgemeinen Werten anpassen muss. Für den Westen ist dies zugleich eine Herausforderung seiner Moral. Die Welt wird nicht nur durchs Geschäft getrieben. Unser Überleben betrifft nicht nur die Ökonomie, sondern auch unser Denken, die Zivilisation ist aus einem langen Kampf um gleiche Rechte, Menschenrechte, Redefreiheit hervorgegangen. Bei diesen Dingen darf man nicht um eines kurzfristigen Profits willen schwanken. Eine andere Sache ist das Internet. Dieses Medium stellt ganz neueKommunikationswerkzeuge zur Verfügung. Das macht die jüngere Generation viel unabhängiger als die vorhergehende. Diese beiden Umstände sind desaströs für jede autoritäre Gesellschaft, für jede geschlossene Gesellschaft. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Vor kurzem wurde Ihre Klage gegen die Pekinger Steuerbehörde akzeptiert, die von Ihrer Firma hohe Nachzahlungen und Strafgebühren verlangt hatte. Wie deuten Sie das?

Wir können kein Eingeständnis erreichen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Aber wir können die öffentliche Meinung für uns gewinnen. Sie sagen, mein Fall hat nichts mit Politik, mit Menschenrechten zu tun, es geht um Wirtschaftsverbrechen. Das ist eine reine Erfindung. Als eine Lehre aus der Jiang-Zemin-Zeit wollen sie sich nicht mehr mit politischen Dissidenten auseinandersetzen, sondern lieber mit Kriminellen. Das zeigt eine Regierung, die zum Streit, zur Diskussion ihrer Ideologie gar nicht mehr in der Lage ist. Moralisch sind sie damit in einer sehr schlechten Position. Wir mussten also unseren Fall dazu nutzen, der Welt zu sagen: Sie können das nicht machen. Also haben wir geklagt, und jetzt mussten sie die Klage akzeptieren. Oft haben sie ähnliche Klagen zurückgewiesen, aber unser Fall wurde so offen diskutiert, dass sie ihn annehmen mussten. Wir müssen jetzt auf den Gerichtsbeschluss warten.

Was ist Ihr jetziger Status gegenüber dem Staat? Welche Signale bekommen Sie?

Das Signal, das ich bekomme, ist: Wenn meine Kautionszeit am 22.Juni endet, werde ich meinen Pass zurückbekommen, und ich kann wieder frei sein. Aber natürlich: Sie geben einem ein Signal ohne eine rechtliche Basis. Sie können es immer verändern.

Wie laufen diese Gespräche mit der Polizei ab?

Sie sind sehr höflich, es sind alles feinfühlige Leute. Aber natürlich sind sie Teil des Systems.

Im Film sagen Sie an einer Stelle, dass Sie sich wie ein Schachspieler sehen: Jemand tut etwas, Sie reagieren und so weiter. Oft sagen Sie, dass es nicht so wichtig ist, ob etwas als Kunst bezeichnet werden kann oder nicht. Aber was ist dann wichtig für Sie? Was ist der Boden für Ihre Art Schachspiel?

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