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Ai Weiwei im Gespräch : Wir werden ein Desaster erleben

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Natürlich gibt es politische Kämpfe in jeder Partei in der Welt, aber in China besonders, weil nichts offen ist. Alles wird im Geheimen gemacht in den letzten sechzig Jahren oder noch länger in der Geschichte der Kommunistischen Partei. Wir wissen noch nicht einmal, was vor fünfzig Jahren, vor vierzig Jahren, vor dreißig Jahren passiert ist, was auf dem Tiananmen-Platz passierte, wer die Entscheidung traf. Niemand weiß es. Es gibt keine Rationalität, keine Information. Wenn es aber ein Staat ablehnt, sich selbst zu erklären, wie es seine Verantwortung ist, dann ist dieser Staat intellektuell vollkommen paralysiert. Das Denken hat keine Fundierung, keine Begründung. Wenn man Schach spielt, muss man einen Zug nach dem anderen machen. Da gibt es Logik und Auseinandersetzung. Man kann nicht Schach spielen und ständig die Regeln wechseln, während man spielt, oder den Tisch nach drei Zügen umwerfen. Ich habe ihnen gesagt: Wie könnt ihr gute Schachspieler sein, wenn ihr noch nach sechzig Jahren nicht über drei Züge hinauskommt! Sie haben sich selbst dumm gemacht. Die Macht nicht zu teilen wird zu einem Raketengeschoss gegen sich selbst. Seit sehr langer Zeit haben sie die Berührung mit der Realität verloren. Man kann sehen, wie alles, was sie sagen, zu einem Witz wird, die Leute fangen an, sich bei Weibo, dem Mikrobloggerdienst, darüber lustig zu machen.

Sie meinen, man kann kaum darüber spekulieren, was innen drin passiert.

Sogar ihre eigenen Leute wie Bo Xilai behandeln sie so. Am ersten Tag meiner Haft sagte mir einer der Polizisten: Ai Weiwei, weißt du, als Präsident Liu Shaoqi vor über vierzig Jahren verhaftet wurde (während der Kulturrevolution fiel Staatspräsident Liu Shaoqi, den Mao ursprünglich als seinen Nachfolger auserkoren hatte, in Ungnade und wurde als „Verräter, der den kapitalistischen Weg geht“, denunziert, Anm. d. Red.), hielt er den Text der Verfassung in der Hand und sagte: Ich bin geschützt, immun durch die Verfassung, denn ich repräsentiere die Nation (lacht). Unser Recht heute ist nicht weit von dem damals entfernt. Jeder Staatspräsident kann immer noch in die gleichen Umstände geraten. Die Leute, die mich verhört haben, haben Jura studiert, sie sprachen klar und offen mit mir, eine Art Warnung: Sei nicht dumm! Tatsächlich haben sie mir sehr bei meinem Denken geholfen. Sei nicht naiv, du darfst nicht zu viele Hollywood-Filme gucken, wir sind hier, wir kennen kein Gesetz.

Gibt es innerhalb dieser Black Box möglicherweise Leute, die ähnlich denken wie Sie?

Ich glaube, sie verstehen alle, was ich sage. Nichts von dem, was ich sage, ist besonders tiefgründig. Es geht um etwas sehr Einfaches, Essentielles, sehr grundlegende Möglichkeiten, die jeder haben sollte. Aber in der Realität sind sie natürlich alle begrenzt durch ihre eigene Position, ihre eigene Struktur. Die nächste Frage ist, was das bedeutet. Kann dieses System aus sich selbst heraus überleben? Ich glaube nicht. Das ist ein selbstmörderisches System.

Welche Perspektive könnte es für die Gesellschaft dann geben?

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