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Adolf Hölzel : Der Meister und sein Kreis

So radikal zeitgenössisch die Werke Adolf Hölzels waren, so bedeutend sind sie noch heute. Jetzt sind einige von ihnen in Freiburg gemeinsam mit Arbeiten seiner Schüler zu sehen.

          3 Min.

          Im Jahr 1916 fand im Gebäude des Freiburger Kunstvereins, das im Jahr zuvor eröffnet worden war, eine denkwürdige Ausstellung statt. Sie hieß „Hölzel und sein Kreis“. Sie zeigte Arbeiten von Adolf Hölzel, der seit 1905 an der Kunstakademie in Stuttgart lehrte, und seinen Schülern und Schülerinnen. Während sich Frauen offiziell erst seit 1919 in Akademien einschreiben konnten, hatte Hölzel schon zuvor in seiner privaten Kunstschule in Dachau junge Künstlerinnen unterrichtet. Die Freiburger Schau war, würde man heute sagen, radikal zeitgenössisch. Mitten im Ersten Weltkrieg konnte sie als Zeichen eines Aufbruchs gelten. Im Zentrum stand das Schaffen eines so unkonventionellen wie unabhängigen Künstlers und Lehrers, dessen Idee einer „Entwicklungsgalerie“ sie erfüllte, in der die Schüler miteinander konfrontiert wurden – und das Publikum mit ungewohnten Seherfahrungen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jetzt findet im Freiburger Augustinermuseum eine Ausstellung des dortigen Museums für Neue Kunst statt, deren Kern die Schau von 1916 bildet. Es ist nicht der Versuch einer Rekonstruktion (die leistet das Katalogbuch), die gezeigten Werke stammen aus den Jahren 1912 bis 1918. Es geht vielmehr darum, die so lang beinah unbeachtet gebliebene Lehr- und Lerntätigkeit im Hölzel-Kreis darzustellen, in ihren Grundlagen und in der Freiheit, die sie eröffnete. Ein Foto gleich am Eingang zeigt Adolf Hölzel 1914 im Kreis von Schülern und Schülerinnen. Er, 1853 im mährischen Olmütz geboren, steht da als ein Grandseigneur mit Bowler Hat, um ihn sind, neben anderen, Ida Kerkovius, Hermann Stenner, Gertrud Höflinger, Willi Baumeister und Oskar Schlemmer. Am Beginn ihrer aller künstlerischen Entwicklung gab es seine Sicht des Ateliers als „Laboratorium“, in dem „viel experimentiert wird im künstlerischen Sinn“.

          Erste Schritte im Hölzel-Kreis

          Zu betrachten – nicht selten zu entdecken – sind also achtzehn Künstler um Adolf Hölzel, denen er ihre Wege zum je eigenen Ausdruck geebnet hat. Das gilt für eine später bekannt gewordene Künstlerin wie Ida Kerkovius wie für den wenig bekannten Schweizer Alfred Heinrich Pellegrini. Oder für Hermann Stemmler, Jahrgang 1893, der 1918 im Ersten Weltkrieg fiel; von Stemmler gibt es das wunderschöne Aquarell eines „Weiblichen Kopfs“, in dem er Hölzels Lehre mit dem Einfluss von Picasso verschmilzt.

          Genauso eindrucksvoll ist ein „Kubistischer Kopf“ von 1914/16, den Lily Hildebrandt malte, die später zum Bauhaus kam und als Fotografin weiterarbeitete. Da ist Hermann Stenner, 1891 geboren; er kam 1914 an der Ostfront um. Was von ihm noch zu erwarten gewesen wäre, zeigen seine „Vier Akte in Landschaft“ von 1912/13 oder die „Auferstehung“ aus dem Todesjahr 1914. Hinzu kommen frühe Arbeiten von Johannes Itten, der maßgeblich von der Farben- und Formenlehre Hölzels beeinflusst war und selbst schon 1919 von Walter Gropius ans Bauhaus in Weimar berufen wurde. Und auch die nachmals berühmten Willi Baumeister und Oskar Schlemmer haben ihre Anfänge im Hölzel-Kreis.

          Dabei war ihr Lehrer keineswegs vom anything goes bewegt, im Gegenteil. Ein Blick in das (im Katalog reproduzierte) Heft zur Ausstellung 1916 belegt das: „Die räumliche Begrenzung des Bildes erfordert eine stärkere Betonung des Konstruktiven in der Malerei als in anderen Künsten“, schreibt Hölzel: „Da die Flächenform die Grundlage aller Darstellung auf der Fläche ist, wird naturgemäß im Bilde alle Gegenstandswirkung aus Flächenformen entstehen müssen.“ Die künstlerischen Voraussetzungen dafür mussten erlernt werden: „Alles Unlogische und Unklare ist dilettantisch.“ An der so unterschiedlichen Entwicklung seiner Schüler lässt sich die Fruchtbarkeit der Methode betrachten. In den Arbeiten spiegeln und brechen sich die im zwanzigsten Jahrhundert beherrschend werdenden Strömungen, der Expressionismus, die Übergänge zur Abstraktion, in vielfältiger Weise.

          Dabei war Hölzels eigene Experimentierfreude enorm, auch beim Umgang mit dem Material. Davon zeugen die prächtigen Glasfenster, die er 1915 bis 1917 im Auftrag des Hannoveraner Keksfabrikanten Hermann Bahlsen für den Sitzungssaal der Firma schuf. Und schon visionär muten seine um 1917 entstandenen „Tubenbilder“ an, für die er in einer Vorwegnahme von All-over die Farbe direkt auf den Bildträger Karton samt dem Rahmen drückte, singuläre Vexierbilder zwischen Figürlichkeit und Abstraktion sind das.

          Den Boden der Ausstellungshalle im Museum strukturiert der von Hölzel entwickelte Farbkreis, in der ruhigen Ausstellungsarchitektur – konzipiert hat die Schau der Hölzel-Spezialist Ulrich Röthke – ist die chromatische Folge aufgenommen. Wie auch in der Vitrine, die ein echter Liebling sein darf: Dort ist Hölzels Lern- und Anschauungsmaterial ausgelegt, wie es für die „Pelikan-Künstlerfarben“ dient, bis in unser aller Wasserfarbkästen reicht sein Einfluss.

          Der einstige Kunstverein am Friedrichsring in Freiburg existiert nicht mehr, der Bau wurde bei den Luftangriffen 1944 völlig zerstört. Das wieder inszenierte „Laboratorium“ von 1916 erlaubt den Blick auf die dort demonstrierte künstlerische Eigenständigkeit, mit Verbindungen zu den damaligen Strömungen – aber abseits vom damaligen Mainstream. Die Schau behauptet nichts, genau das macht sie so gut, sie zimmert keine These zusammen, wie das derzeit in Mode ist. Sie ruft keine verschüttgegangene Avantgarde aus. Sie zeigt, was an bildnerischer Freiheit einmal möglich war. Ausstellungen dieser Sorte kann es gar nicht genug geben, sie sind nicht nur vorbildlich, sondern ausgesprochen reizvoll. Sie müssen eben nur so gut gemacht sein wie diese jetzt in Freiburg.

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