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Aby Warburgs Bilderatlas : Die Verführung des Wissens

Der Clou dieser totalen Hommage – deren Gegenstück, die Aneinanderreihung der künstlerischen Originale in Form einer bloßen Materialsammlung, in der Gemäldegalerie zu besichtigen ist (F.A.Z. vom 17. August) – liegt darin, dass sie einen Zustand rekonstruiert, den der Bilderatlas zu Warburgs Lebzeiten niemals erreichte. Denn in seiner Hamburger Bibliothek konnten kaum mehr als zehn Tafeln gleichzeitig aufgestellt werden. Wir betreten einen Tempel, den sein Erbauer nie gesehen hat, das Heiligtum eines Gedankens, der nicht zu Ende gedacht worden ist.

Der Eindruck im Untergeschoss der ehemaligen Kongresshalle im Tiergarten ist überwältigend. Zu beiden Seiten ragen die zu Achter- und Zehnergruppen geordneten Tafeln wie Teile eines Frieses in den abgedunkelten Raum. Die Andacht vor der Kunst, die Warburg dem Publikum seiner Vorträge aberziehen wollte, ersteht hier als Ehrfurcht vor der Kunstgeschichte wieder auf. Dabei ist es gerade das nüchterne Schwarzweiß der Reproduktionen in ihren historischen Passepartouts, das den Besucher in Andachtshaltung versetzt. Einzelne Farbtupfer wie die Briefmarken und Reklamebildchen auf den Schlusstafeln verstärken noch die auratische Wirkung der Installation. Das Unzulängliche, die Wiedergabe von Kunst mit den fotografischen Mitteln der zwanziger Jahre, wird hier ästhetisches Ereignis.

Raffael und Botticelli stehen im Zentrum

Worum es ihm bei dem Projekt ging, hat Warburg in seiner prophetenhaft schillernden Sprache im Entwurf eines Vorworts zu einer nie gedruckten Buchausgabe des Bilderatlas erklärt: Er wollte den „Prozess ... der Einverseelung vorgeprägter Ausdruckswerte bei der Darstellung bewegten Lebens“ darstellen. Was das bedeutet, kann man beispielhaft auf Tafel 55 erkennen, die mit einer spätmittelalterlichen französischen Buchmalerei beginnt und mit Manets „Déjeuner sur l’herbe“ endet. Dazwischen liegen Stiche und Gemälde von Tizian, Rubens, Carracci, Peruzzi, Marcantonio Raimondi und anderen. Die Figur der kauernden Nymphe, die Manets Bild beherrscht, stammt aus antiken Quellen, die im Mittelalter verschüttet waren und in der Renaissance wieder für die Ausdrucksproduktion geöffnet wurden. Deshalb steht das Zeitalter Raffaels und Botticellis im Zentrum von Warburgs Denkbewegung. Die Moderne bildet für ihn nur die künstlerische Nachhut: In ihr werden die Bilderfahrzeuge zu Spielzeugen der Massengesellschaft, sei es in Form von Zeitungsfotos oder Werbeplakaten.

Dass dieses Denken und seine visuellen Belege historisch geworden sind, ist nicht zu übersehen. Aber im Zeitalter von Youtube und Instagram verströmen Warburgs Bilderreihen den verführerischen Geruch arkanen Wissens. Sie sind, wie die Sternbilder, deren geschichtliche Wege er von Alexandria über Bagdad bis nach Ferrara und Florenz nachgezeichnet hat, Projektionsflächen einer überzeitlichen Wahrheit, die mit Worten nicht zu erhaschen ist. Das macht den „Bilderatlas Mnemosyne“ so eminent modern und museal zugleich. Denn bei aller Abneigung gegen die Anbeter des Stils glaubte Warburg an die zivilisierende Kraft der Kunst, ihre „antichaotische Funktion“. Diese Geburt der ordnenden Form aus dem Chaos der Triebnatur wollte er mit seinen Tafeln illustrieren. Im Haus der Kulturen der Welt kann man sie mit Augen greifen.

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