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Abstrakte Kunst in London : Farbtrunkene Breitwandbilder fordern zum Duell

  • -Aktualisiert am

Die Royal Academy of Arts zeigt Schlüsselwerke des Abstrakten Expressionismus: ein Blockbuster, wie er wegen der hochkarätigen Leihgaben nur alle dreißig, vierzig Jahre präsentiert wird.

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          Auf die kleinen Selbstporträts gleich eingangs der Ausstellung schaut man wie auf ferne Gestade, so überlaufen ist die Royal Academy schon morgens kurz nach zehn. Verschattet sind diese Bildnisse aus den frühen dreißiger Jahren, regelrecht düster. Mit dunkel umrandeten Augen blicken uns Jackson Pollock und Lee Krasner an, als sie noch längst kein Paar waren. Der frühe Mark Rothko malt sich mit einer Brille, deren schwarze Gläser noch schwärzere Augen vor Licht schützen. Als traumatisierte Gestalt tritt einem der Armenier Arshile Gorky gegenüber; der Exilant sollte 1948 in den Freitod gehen. In glühenden Farben gibt sich Franz Kline, den Kopf in den Rahmen eingepasst, als sitze er in einem Passbildautomaten.

          Das alles sieht so gar nicht nach „Triumph der amerikanischen Malerei“ aus, wie Irving Sandler später ein Buch über den Abstrakten Expressionismus nennen sollte, eher dagegen nach den Jahren der Depression - jeglicher Ruhm stand noch in weiter Ferne. Diesen intoniert mit Aplomb die Londoner Schau „Abstract Expressionism“, von der Nachwelt „AbEx“ abgekürzt.

          Die opulente Ausstellung ist eine, so heißt es im Katalog zu Recht, „once-in-a-generation-retrospective“, ein Blockbuster, wie er wegen all der hochkarätigen Leihgaben nur alle dreißig, vierzig Jahre präsentiert wird. Mehr als fünfzig Jahre liegen sogar zurück, seit dem Publikum die ausladenden Formate der New York School flächendeckend in Europa - in London, Berlin und Paris, in Mailand, Brüssel und Basel - in einer Dosis verabreicht wurden, die einer Tiefendröhnung gleichkam und eine linksorientierte Kritik schon damals den Verdacht schöpfen ließ, mit dieser Wanderausstellung sollte vor allem Politik gemacht werden. Tatsächlich wurde die Schau „The New American Painting“ seinerzeit von der CIA gesponsert, nachdem für einen „kulturellen Marshall-Plan“ in den Vereinigten Staaten Gremien gegründet worden waren wie das „International Council“, das dem Museum of Modern Art angegliedert war, und die „United States Information Agency“. Auf die Frage nach dem spezifisch amerikanischen Charakter seiner Malerei hatte Pollock zwar einmal entwaffnend geantwortet, seine Kunst sei so wenig national, wie Mathematik national sein könne - doch ließ sich die Abstraktion vielleicht gerade deshalb politisch so wirkungsvoll instrumentalisieren. So konnte sie als unschuldiger Beleg von Freiheit und Demokratie in die Welt ausgesandt werden.

          Rigorose Abstraktion

          Dass eine künstlerische Offensive auf das Terrain der Bildautonomie ausgerechnet vom Geheimdienst gesponsert wurde, um die westlichen Verbündeten zu freiheitlichen Werten zu bekehren, ist einer der Gründe, aus denen das Phänomen AbEx heute vielfach mit Vorbehalten betrachtet wird. Eine andere Ursache dafür ist der ebenso beredte wie brillante Dogmatismus, mit dem es von seinem Apologeten Clement Greenberg gepusht wurde. An diesem einflussreichsten Kritiker in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und seinem Plädoyer für eine rigorose Abstraktion arbeitet sich noch eine heutige Kunstgeschichtsschreibung ab - als abschreckendes Beispiel für ein teleologisches Denken, das in die Sackgasse führt: Flach und ohne jeden Illusionismus sollte die Malerei nach „Clems“ Vorstellung sein. Zur Reizfigur machte sich Greenberg aus heutiger Sicht allerdings auch deshalb, weil, wenn auch darin zeittypisch, Künstlerinnen im Namensregister seiner Schriften kaum vorgesehen waren.

          Das Selbst und die Erhabenheit

          Die muskulöse Londoner Ausstellung umfasst auch Skulptur (zumal von David Smith) und einige Beispiele abstrakter Fotografie der Vierziger, im Kern aber entlud sich die Potenz des New Yorker Expressionismus in der Malerei. So schildert die Schau mit einer Parade an Meisterwerken einen Paradigmenwechsel in der Abstraktion des vorigen Säkulums: Diese dient 1950 nicht mehr, wie ehedem bei Mondrian und Malewitsch, als eher kleinformatiges Modell einer gegenstandslosen Welt, die es sichtbar zu machen gilt.

          Mit Riesenbildern beschwören die Amerikaner die individuelle Erfahrung des Selbst und der Erhabenheit, wobei der französische Existentialismus wie auch die zeitgenössischen Krisenerfahrungen Pate standen. In „Kathedralen der Gefühle“ wollte Barnett Newman die „Realität einer transzendentalen Erfahrung“ zugänglich machen, während Rothko sich zu dem Ziel bekannte, die Menschen an seiner religiösen Erfahrung beim Malen teilhaben zu lassen.

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