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Abe Frajndlich : Verborgene Gesichter

Jack Lemmon mit Zitronen vor den Augen; Roy Lichtenstein mit breitem Pinsel: Solche Bilder kennt man von Abe Frajndlich. Was dabei wie optische Ausrufezeichen daherkommt, sind tatsächlich Fragezeichen.

          Wie fotografiert man Cindy Sherman - eine Künstlerin, die sich in ihrem eigenen Werk immer wieder neu erfunden hat und wohl etliche hundert Male verwandelt und verkleidet vor der Kamera posierte? Abe Frajndlich tat das Naheliegende: Er konzentriert sich auf ihr Gesicht, zeigt die junge Frau dezent geschminkt, das Haar zurückgekämmt, das Gesicht entspannt, die Augen geschlossen, vor einem neutralen Hintergrund. Nichts lenkt ab. Nirgendwo ein versteckter Gimmick. So wird die Künstlerin, die aussieht, als träume sie, gleichsam zur Projektionsfläche eigener Phantasien. Es ist ein wunderbares Bild.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Aus Abe Frajndlichs OEuvre freilich fiel es immer heraus. Denn Zurückhaltung, so mußte man meinen, ist Frajndlichs Sache nie gewesen. Mit seinen skurrilen Arrangements in meist leuchtenden Farben gehört er vielmehr zu jener Riege von Fotografen, die mit ihren Porträts eher Geschichten erzählen als Gesichter zeigen. Der Schauspieler Jack Lemmon, der sich zwei Zitronen wie ein Fernglas vor die Augen hält; der Maler Roy Lichtenstein, der über einen breiten rotverschmierten Pinsel schaut; der Dichter Charles Bukowski, der sich eine Lupe vor das pockennarbige Kinn hält: So sehen die Prominentenbilder aus, die man mit seinem Namen verbindet und die nicht unmaßgeblich über fast anderthalb Jahrzehnte auch die Bildsprache des Magazins dieser Zeitung geprägt haben.

          Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt rückt diese Vorstellung nun zurecht. Mit gut hundert Aufnahmen deckt sie die Arbeit von mehr als dreißig Jahren ab und verschränkt dabei auf überzeugende Weise Frajndlichs Auftragsarbeiten mit schwarzweißen Schnappschüssen aus den Straßen von New York, Paris oder London. Dort etwa fotografierte er 1973 einen alten Herrn mit schwarzem Mantel, Melone und Regenschirm, der angestrengt mit zugekniffenen Augen durch die dicken Gläser seiner Brille blickt; neben ihm ein Grüppchen Schaulustiger, allesamt in die exakt entgegengesetzte Richtung gewandt. Es ist das Schlüsselbild zu Frajndlichs Werk.

          Im Jahr 1946 in der Nähe von Frankfurt in einem DP-Lager für Staatenlose geboren, zog Frajndlich noch als Kind so oft um - von Frankfurt nach Tel Aviv, zurück nach Frankfurt, dann nach Paris und über Brasilien in die Vereinigten Staaten -, daß er sich im Alter von zehn Jahren in sechs Sprachen unterhalten konnte. Ein Moment von Rastlosigkeit, von Entwurzelung ist ihm bis heute geblieben. Und obwohl er seit nunmehr zwanzig Jahren in New York zu Hause ist, geht es in seinen Bildern fast immer noch um Positionsbestimmung.

          Was in seinen knalligen Blickfängern wie optische Ausrufezeichen daherkommt, sind in Wirklichkeit Fragezeichen. Frajndlich rückt die Personen hinter seinen Requisiten in die Distanz, oder er umrahmt sie mit Holzmodellen, Gemälden und opulent gemusterten Stoffen bisweilen so dicht, daß sie förmlich versteckt wirken. Die Wahrheit, teilt uns Abe Frajndlich mit, trägt niemand im Gesicht mit sich herum. So sucht er sich für seine Aufnahmen an den Schnittpunkt von Erklärung und Mystifizierung heranzutasten. Und mit einem Mal begreift man, daß er sogar Cindy Sherman versteckt hat: in ihr selbst.

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