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Beutekunst auf der Krim : Die neuen Herren verschließen die Tür

Seit Jahren verhandelt das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum mit dem Kunstmuseum Sinferopol um die Rückgabe von Bildern, die sowjetische Truppen im Zweiten Weltkrieg erbeuteten. Was wird nun daraus?

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          Mitte Mai wollte Peter van den Brink wieder in die Ukraine reisen. Zum vierten Mal seit 2008. In Kiew hatte der Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums einen Termin beim Kulturminister. Thema sollte der „unorthodoxe Vorschlag“ sein, den er im vergangenen Herbst entwickelt hatte: dass das Kunstmuseum in Simferopol fünf der 76 Bilder, die sich - „kriegsbedingt verlagert“ - in seinen Beständen befinden, nach Aachen zurückgibt, nicht die wertvollsten fünf, wie van den Brink betonte, sondern jene fünf, die für Aachen eine besonders große emotionale Bedeutung haben.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Im Gegenzug wollte sein Haus dem Museum auf der Krim Bilder als Geschenk überlassen. Ein Vorstoß unterhalb der offiziellen Diplomatie, der, von dieser aufgenommen, vielleicht zum Türöffner, wenn nicht gar zum Modell hätte werden können. Ausgang offen.

          Laut russischem Gesetz wären die Bilder Staatseigentum

          Doch jetzt dürfte der Versuchsballon geplatzt sein, noch ehe er überhaupt steigen konnte. „Wenn die Krim endgültig ein Teil von Russland wird und die russischen Gesetze übernimmt, wird das mit Sicherheit schwieriger“, sagte Peter van den Brink im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Reise nach Kiew hat er abgesagt, denn der Aachener Bilderschatz in Simferopol wird dort kein Thema sein: „Das hat wenig Sinn, solange der Status der Krim unklar ist.“

          Die Chancen, dass wieder Bewegung in die Sache kommt, schätzt er erst einmal gering ein: „Die einzige Möglichkeit sehe ich in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Krim eine autonome Provinz bleibt mit eigener Gesetzgebung. Andernfalls gilt das Duma-Gesetz von 1998, das die geraubten Kulturgüter zum Staatseigentum erklärt.“

          Über Jahre aufgebautes Vertrauen

          In der Beutekunstfrage hatte sich die Ukraine konzilianter verhalten als Russland: 2001 gab Kiew das Bach-Archiv, das aus Schlesien in die Ukraine verbracht worden war, an die Berliner Sing-Akademie zurück, 2004 wurden 139 Zeichnungen der Sammlung Koenigs aus dem Chanenko-Museum in Kiew dem Boymans-Museum in Rotterdam übereignet und das, obwohl sich dort Dürer-Werke aus der Gemäldegalerie von Lwiw befinden.

          Erst im Herbst 2008 hatte ein deutsches Touristenpaar einen Teil der Gemäldesammlung des Suermondt-Ludwig-Museums auf der Krim entdeckt: Im Krieg auf die Albrechtsburg in Meißen ausgelagert, waren die Kunstwerke von sowjetischen „Trophäenbrigaden“ verschleppt worden und über mehrere Zwischenstationen dorthin gelangt, wo sie 2007, mehr als sechzig Jahre später, im Kunstmuseum Simferopol erstmals ausgestellt wurden.

          Kurz darauf nahm Peter van den Brink, der sich darin als niederländischer Staatsbürger „unbefangener“ fühlte, mit seiner Kollegin auf der Krim, der Russin Larina Kudrjaschowa, Kontakt auf. Nicht um, wie er mehrfach betont hat, die Bilder zurückzufordern, sondern um Verständnis zu gewinnen, Vertrauen aufzubauen und Wege zu finden, sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Bemühungen, mit denen er nun, unter noch schwierigeren Voraussetzungen, von vorne beginnen muss.

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