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„A House Full of Music“ in Darmstadt : Eine ölriechende Pinselgöttin

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John Cage als Inspiration: Die Darmstädter Mathildenhöhe huldigt in der so ehrgeizigen wie brillanten Ausstellung „A House Full of Music“ der Verbindung von Kunst und Musik.

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          Der junge Paul Klee war verzweifelt: Trotz aller Parallelen, die sich ihm zwischen Musik und bildender Kunst aufdrängten, wollte ihm „keine Analyse gelingen“, wie er 1905 seinem Tagebuch anvertraute. Als talentierter Geiger und Sohn von Berufsmusikern blieb er zeitlebens derart innig mit der Ton-Kunst verbunden, dass er sich zu dem Bekenntnis hinreißen ließ: „Meine Geliebte ist und war die Musik, und die ölriechende Pinselgöttin umarme ich bloß, weil sie eben meine Frau ist.“

          Um intime Umarmungsversuche zwischen den Künsten geht es nun im ganz großen Maßstab in der Ausstellung „A House Full of Music“, die das Institut Mathildenhöhe gestern in Darmstadt eröffnete. Titelgeber und gedanklicher Schirmherr ist der große Auf- und Anreger John Cage, der im September seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Das kunstphilosophische Denken des amerikanischen Komponisten, Malers, Performers und Happeningkünstlers erschließt der Ausstellung nicht nur die denkbar größte Perspektivenvielfalt - Cage gibt ihr auch das entscheidende Stichwort: „Ein Ansatz, um Musik zu schreiben, lautet: studiere Duchamp.“

          Kalligraphische Kunstwerke

          Dass Cage in Marcel Duchamp, dem Vordenker der Konzeptkunst und Wegbereiter von Dada und Surrealismus, einen Geistesverwandten erkannte, liegt auf der Hand; umso mehr erstaunt, wie stark Duchamps künstlerische Theorien von konkreten musikalischen Themen, ja sogar von kompositorischen Überlegungen beeinflusst wurden. Als Schlüsselwerk ist in Darmstadt sein „Erratum Musical“ von 1913 zu sehen, wahrscheinlich die erste reine Zufallskomposition der Moderne. Indem Duchamp fünfundzwanzig Zettel mit unterschiedlichen Tonhöhen dreimal nacheinander aus einem Hut zieht, schafft er ein dreistimmiges, protodadaistisches Vokalstück, dem als sinnfällig sinnfreier Text ein französischer Lexikoneintrag zum Wort „Drucken“ unterlegt ist. Das skurrile Werk ist in der Ausstellung via infrarotgesteuertem Kopfhörer als real erklingendes Musikstück zu hören, zugleich bieten sich Duchamps verzierte Notenblätter als Kunstobjekt und Frühform eines Readymade der Betrachtung dar.

          Ähnliche Grenzgänge zwischen Musik und Kunst finden sich zur gleichen Zeit bei Erik Satie, dessen Notenhandschriften nicht nur kalligraphische Kunstwerke sind - wie schon diejenigen Mozarts oder Wagners -, sondern die im Duktus ihrer schwungvoll gezogenen Notenhälse, Achtelbalken und Vortragsbezeichnungen ihr jeweiliges Thema (zum Beispiel eine köstlich snobistische Golfpartie) auch optisch nachzeichnen. Kein Wunder, dass Satie und Duchamp schließlich 1924 an René Clairs dadaistischem Kurzfilm-Wagnis „Entr’acte“ beteiligt waren. In seiner Musik zu dem Film erprobt Satie bereits Methoden der Bildvertonung, die vom bloßen Untermalen über ironische Kommentare bis zur scheinbar zusammenhanglosen Brechung der visuellen Aussage reichen.

          Schweigen, Spielen und Zerstören

          Viele der revolutionären Strategien dieser beiden Pioniere verfolgt die Ausstellung weiter, indem sie mit ihrer Hilfe Gedankenpfade durch den Dschungel ihres unerschöpflichen Themas bahnt. Denn Musik und Kunst sind eben nicht bloß über das naheliegende Phänomen von Synästhesie und intermedialer Wahrnehmung miteinander verbunden - also durch Fragen wie: Welchen Farbeindruck ruft dieser oder jener Ton hervor? Klingt ein Fis-Dur-Akkord wirklich violett (wie Olivier Messiaen behauptet hat)? Vielmehr teilen beide Künste vom 20. Jahrhundert an Strukturprinzipien, die sich unter Begriffen wie „Collagieren“, „Schweigen“, „Zerstören“, „Rechnen“, „Würfeln“, „Wiederholen“ und „Spielen“ rubrizieren lassen.

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