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7. Triennale der Karikatur : Der Bleistift als Damoklesschwert

Symptom für den Wandel einer Kunstform: Die Triennale für Karikatur im Satiricum von Greiz ist eine Leistungsschau der Witzzeichnung. Wird sie das auch noch in ein paar Jahren sein?

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          In den Kronleuchtern des Gartensaals im Greizer Sommerpalais hängen Bleistifte. Wie kleine Raketen drohen sie auf die Besucher herabzuschießen, und wenn sich im Obergeschoss dieser Effekt wiederholt, weil da die spitzen Stifte in den Türrahmen aufgehängt wurden, denkt man an Fallgitter. Man lacht gefährlich auf der siebten Triennale der Karikatur. Kein Wunder: Ihr Thema lautet „Volles Risiko“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass sich die Einsendungen der 55 vertretenen deutschen Zeichnerinnen und Zeichner bei dieser Vorgabe vor allem der Finanzkrise und ihren Auswirkungen widmen, ist wenig überraschend. Gleiches gilt auch für etliche Arbeiten, die zeitgleich in Kassel auf der Caricatura VI zu sehen sind, einer jeweils parallel zur Documenta und somit nur alle fünf Jahre veranstalteten weiteren Überblicksausstellung zur Komischen Kunst. Dass die Triennale der Karikatur und die Caricatura ins selbe Jahr fallen, geschieht somit nur alle anderthalb Jahrzehnte. Das macht die gegenwärtigen Ausgaben zusätzlich interessant.

          Der sichtbarste Unterschied ist die Zahl der gezeigten Arbeiten: In Kassel sind es doppelt so viele Teilnehmer und dreimal so viele Karikaturen. Dazu hat Kassel sich entschlossen, die bisher auch dort übliche Beschränkung auf deutschsprachige Karikaturen aufzugeben, und deshalb sind diesmal Zeichner aus immerhin sieben Ländern dabei. Auch wird die bislang übliche konventionelle Präsentation ergänzt durch Bildschirme, die digital erstellte Karikaturen zugänglich machen. Und noch etwas ist auffällig: Kassel hat weitaus mehr jüngere Künstler zu bieten.

          Die Crux der Greizer Triennale liegt darin, dass nur zwei ihrer 55 Teilnehmer jünger als vierzig sind (und nur sechs sind Frauen). Wenn die sinkende Bedeutung der Karikatur als Kunstform belegt werden soll, dann ist dieses mangelnde Interesse junger Zeichner gewiss das aussagekräftigste Indiz. Die Caricatura indes belegt, dass es so nicht sein muss (obwohl auch in Kassel die längst bekannten Namen dominieren). In Greiz erschweren zwei Dinge das Engagement des Nachwuchses, die jedoch paradoxerweise beide entscheidend zum Reiz der Triennale beitragen: die Geschichte der Veranstaltung und ihr Rahmen.

          Karikatur auf dem Rückzug

          Letzterer ist kaum schöner denkbar, seit das im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert von den in Greiz regierenden Reußschen Fürsten errichtete Sommerpalais jüngst nach langjähriger Renovierung wieder geöffnet wurde. Doch die nun makellose Pracht der Säle macht nicht nur die bisher übliche Präsentation der Karikaturen an den Wänden teilweise unmöglich, sondern deren klassizistische Eleganz konterkariert auch das den Karikaturen eigene Prinzip der Verzerrung. Aus diesem Zwiespalt entstehen zwar bisweilen wunderbare Kontraste, wenn etwa der Berliner Karikaturist und Comiczeichner Tom ein ganzes Kabinett für seine vier Blätter mit Knollennasenmenschen bekommt, aber ungewöhnliche Zeichenstile haben es hier schwerer als in einem neutralen Rahmen, wo Grenzgänger zwischen Karikatur und Kunst wie Kay Voigtmann, Christoph Feist oder Ottfried Zielke sich nur gegen die Konkurrenz und nicht auch noch gegen das Interieur behaupten müssten.

          Außerdem blickt die Reihe der sieben Biennalen auf eine noch ältere Tradition zurück, die bereits 1975, also zu DDR-Zeiten, einsetzte, als im Sommerpalais, das eine hervorragende historische Karikaturensammlung enthält, das Satiricum Greiz gegründet wurde, das in den achtziger Jahren mit seinen bis 1990 durchgeführten Biennalen zum Mittelpunkt der Beschäftigung mit Komischer Kunst in der DDR wurde. Die Gratwanderungen jener Zeit sind legendär, und auch diesmal sind einige Künstler vertreten, die von Anfang an in Greiz mit dabei waren. Aber mit dieser ästhetisch wie anekdotisch reichen Geschichte können jüngere Zeichner nicht mehr viel anfangen - gerade die politische Karikatur, die in Greiz nach der Wende ihr wichtigstes Forum fand, ist in Deutschland auf dem Rückzug. Stattdessen dominieren Comedy-Karikaturen das Geschäft, also satirische Zeichnungen, die auf schnell fassbare Pointen statt auf Subtilität setzen. Dieser Trend ist auch in Greiz sichtbar.

          Gleichzeitig aber sind hier genug Arbeiten vertreten, in die das Beste eingeflossen ist, was Karikaturen bieten können: Doppelbödigkeit, Anspielungsreichtum, Witz. Gerhard Glücks gemaltes Abend-Idyll etwa, in das groß der Schriftzug „Ende“ über ein paar verlassenen Stuhlreihen eingetragen ist - erst die Betitelung „Open-Air-Film mit Überlänge“ enthüllt das unauflösbare Vexierspiel zwischen Thema und Bild, das hier veranstaltet wird. Oder die schönste klassische politische Karikatur in Greiz: Der Berliner Veteran Rainer Hachfeld hat sie gezeichnet, und sie ist ein schlichtes Schwarzweißporträt von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, aber in der Kostümierung von Oliver Hardy und Stan Laurel. Nicht das Wissen darum, dass dieses amerikanische Filmkomikerpaar in Deutschland als „Dick und Doof“ vermarktet worden ist, macht den Reiz der Karikatur aus, sondern das Geschick, mit dem Hachfeld die Züge der beiden Politiker und der beiden Schauspieler ineinander überführt. Diese Karikatur ist von den Zeitereignissen, von Sarkozys Abwahl nicht im Geringsten überholt worden; die Melancholie der Mienen gewinnt dadurch noch an satirischer Kraft.

          Die Greizer Ausstellung hat also trotz der Beschränkung bei ihrer Auswahl den Vorzug der Konzentration. Ob aber Karikatur auf diese Weise noch in drei Jahren gezeigt werden kann, darf man angesichts dessen, was die Kasseler Caricatura reformiert hat, bezweifeln. Aber in diesem Jahr war durch den erst verspätet verabschiedeten thüringischen Haushalt ohnehin keine Planungssicherheit für die Triennale möglich und darum auch gewiss kein Pioniergeist. 2015 wird Eva-Maria von Máriássy, die kluge Direktorin des Satiricums, hoffentlich bessere Bedingungen vorfinden, um dann selbst auch volles Risiko zu gehen.

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