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Pieter Bruegel in Wien : 500 Jahre Hochauflösung

Die Skalierbarkeit der Welt: In Wien ist die bislang größte Bruegel-Ausstellung zu sehen. Was erzählt uns dieses Werk aus der Zeit der Glaubenskriege heute?

          6 Min.

          Vor gut fünfhundert Jahren, als die Erde sich zur Kugel krümmte, sich das gedruckte Wort ausbreitete, Menschen und Dinge aus fremden Ländern nach Europa strömten und die reichen Händler in den flandrischen Städten begannen, sich nach römischem Vorbild Landhäuser zu leisten, bevor die Ikonen aus den Kirchen gerissen wurden, die spanische Inquisition ihre Galgen aufstellte und in den Niederlanden der Achtzigjährige Krieg ausbrach, öffnete sich ein Vorhang, und ein paar Jahrzehnte lang war der Blick auf die Welt von einer solchen Hochauflösung und Informationsdichte wie nie. Dann schloss sich der Vorhang wieder.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dazwischen entstanden erst die Wimmelbilder von Hieronymus Bosch mit ihren bizarren Höllenszenen und dann die von Pieter Bruegel dem Älteren, der sich mit göttlichem Drohnenblick von hoch oben in endlos sich hintereinander staffelnde Landschaften stürzte, in sandkornkleine Details hineinzoomte und hundert Szenen im selben Bild unterbrachte.

          Stundenlang kann man sich im Kunsthistorischen Museum in Wien, das dank der frühen Bruegel-Liebe der Habsburger zwölf seiner einundvierzig erhaltenen Gemälde hat, in den Figuren verlieren, die in der Baustelle des Turms zu Babel Steine schleppen, Hühner füttern, Wäsche aufhängen, Gemüse oder Bier anliefern, also alles Mögliche machen, das oft nichts zu tun hat mit der eigentlichen Handlung und auch nichts mit König Nimrod, der zur Inspektion auftritt, während um ihn herum die Handwerker unbeeindruckt weiter Steinquader stemmen.

          Jetzt hängt in Wien, wo sich in Vorbereitung von Bruegels 450. Todesjahr 2019 wiederum für drei Monate ein Vorhang aufgetan hat und mit knapp dreißig Gemälden und sechzig Zeichnungen und Drucken die erste große Einzelausstellung Bruegels zu sehen ist, auch die Rotterdamer Fassung des Turms, das Bild ist kleiner, aber der Turm im Maßstab zweieinhalbmal größer und aus Ziegelsteinen, er durchbricht die Wolken, und im Zentrum ist ein winziger roter Punkt kaum zu erkennen, es ist der Baldachin einer Prozession.

          Dass darunter nicht der Papst sitzt, wie noch Jürgen Müller in einem neuen, monumentalen Bruegel-Band mutmaßt, sondern jemand zu Grabe getragen wird, möglicherweise König Nimrod selbst, das konnten die Kuratoren der Wiener Ausstellung auch deshalb zeigen, weil jetzt der technische Fortschritt der optischen Prothesen es erstmals erlaubt zu erkennen, was Bruegel, der wohl von seiner späteren Schwiegermutter, der renommierten Malerin Mayken Verhulst, in die Miniaturmalerei eingeführt wurde, überhaupt alles in den Bildern untergebracht hat. Der Turm wächst in die Höhe, während sein Auftraggeber, verschwindend klein, hinabgetragen wird; ob Papst oder König, schärfer kann man ein künstlerisches Programm, das darauf zielt, jede angeblich natur- oder gottgegebene Hierarchie aus den Angeln zu heben, wohl kaum zuspitzen.

          Da schon die Bürger des sechzehnten Jahrhunderts, wie später die des neunzehnten, eine gewisse Neigung zur Romantisierung des Ländlichen, Ursprünglichen als Gegenbild zur Modernisierung ihrer Umwelt zeigten, galt Bruegel für Jahrhunderte als „Der Drollige“ und „Bauern-Bruegel“, nachdem Karel van Mander ihm 1604 in seinem „Schilder-Boek“ sogar eine bäuerliche Herkunft unterjubelte. Mit der modernen Wiederentdeckung in der Folge von Jacob Burckhardt und Max Friedländer wurde er wieder zu dem Humanisten, als den ihn schon ein zeitgenössischer Kupferstich von Bartholomäus Spranger porträtiert. 1559 strich Brueghel (sprich: Bröchel) das „h“ aus seinem Namen, wohl um sich als Lateiner auszuweisen. Bruegel malte keine Bauern, weil er ein Bauer war, sondern weil die erste Generation von Bankern und Spekulanten nördlich der Alpen diese ländlichen Szenen liebte.

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