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Fünfzig Jahre Wembley-Tor : Zwei, die sich nichts zu sagen haben

Das Bild sagt aber viel: Links der Schiedsrichter Gottfried Dienst (Schweiz), rechts der Linienrichter Tofik Bachramow (Sowjetunion). Bild: Ferdi Hartung/Imgao

Damals, am 30. Juli 1966: Das Dortmunder Fußballmuseum beleuchtet das Wembley-Tor. Und präsentiert neben bekannten Aufnahmen bislang kaum Beachtetes.

          Drin oder nicht drin, das ist hier die Frage. Seit heute auf den Tag genau fünfzig Jahren beschäftigt, fasziniert, erhitzt sie die Fußballwelt. War der Schuss von Geoffrey Hurst in der 101. Minute, der elften der Verlängerung, des Endspiels um die Weltmeisterschaft am 30. Juli 1966 zwischen England und Deutschland im Londoner Wembley-Stadion, ein Tor, wie es der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst zwar nicht gesehen, aber gegeben hat, oder keines, war der Ball, der von der Unterkante der Latte auf den Boden prallte und ins Spielfeld zurücksprang, hinter der Linie oder nicht?

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Antwort auf diese Frage hängt vom Standpunkt und das heißt in diesem Fall (näheres siehe Habermas, „Erkenntnis und Interesse“), von der Nationalität ab: „Für die Engländer war er drin, für uns Deutsche nicht. So einfach ist das“, sagt einer, der dabei war (und so oft wie kein anderer darauf angesprochen wurde): Uwe Seeler, der Mittelstürmer und Kapitän der deutschen Mannschaft.

          Einfach, aber natürlich kein Schlusswort der Diskussion. Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund rollt sie mit der Ausstellung „50 Jahre Wembley – der Mythos in Momentaufnahmen“ auf und leuchtet das Geheimnis neu aus. Mit eindrucksvollen Fotos des Spiels, seines Umfelds und seiner Vor- und Nachgeschichte, alle in Schwarzweiß, vielen bekannten, aber auch neuen oder wenig bekannten Aufnahmen, mit einem Zusammenschnitt aller Film-, Fernseh- und (auch spät entdeckten) Videoaufnahmen des Tors, das keines war, und einer Kompilation der einschlägigen Statements.

          Ein stummer Pas de deux

          So wird das berühmte „Sportfoto des Jahrhunderts“ von Sven Simon, dem Sohn des Verlegers Axel Springer, auf dem Uwe Seeler gesenkten Hauptes vom Platz schleicht (S. 32 dieser Zeitung), mit dem dazugehörenden Kontaktabzug sowie den Bögen anderer Fotografen, die dieselbe Szene ablichteten, in einen erzählerischen Zusammenhang gestellt und nachgewiesen, dass es sehr wohl den aus deutscher Sicht symbolischen Augenblick einfängt und nicht etwa, „Uns Uwe“ war sich da zwischendurch nicht mehr sicher, schon zur Halbzeit gemacht wurde, als er nur nach seinem lockeren Schnürsenkel schaut.

          Und dann gibt es da ein Foto von Ferdi Hartung (unser Bild), das bisher kaum beachtet wurde: Es zeigt den Schiedsrichter Gottfried Dienst und den sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow, wie sie nach Ende der regulären Spielzeit, sich gegenseitig den Rücken zukehrend, erschöpft auf dem Rasen sitzen. Das Doppelporträt liest sich anders, als stummer Pas de deux zweier Männer, die sich nichts zu sagen hatten, wenn man weiß, dass sie sich sprachlich nicht verständigen konnten, und Bachramow es war, der Dienst geraten hat, den Treffer anzuerkennen: „Ich glaube ja immer noch, dass der Ball im Tor war.

          Die Antwort lautet: „Stalingrad!“

          Aber ganz sicher bin ich jetzt doch nicht mehr. Es ging alles so blitzschnell“, hat Bachramow nach dem Spiel gesagt, und später: „Ich habe nicht gesehen, dass der Ball im Tor war. Aber ich sah, wie der Engländer Hunt nach dem Schuss die Arme hochriss. Und ich sah, dass der deutsche Torwart einen untröstlichen Eindruck machte. Deshalb musste es Tor gewesen sein.“ Kurz vor seinem Tod (1993) soll Bachramow auf die Frage, warum er auf Tor entschieden habe, nur ein Wort geantwortet haben: „Stalingrad!“

          „Diese Aufnahme sehe ich zum ersten Mal. Sie gibt die Sprachlosigkeit der beiden exakt wieder“, sagt Uwe Seeler amüsiert in einem Gespräch mit dem Museumsdirektor Manuel Neukirchner, das im Katalog der Ausstellung abgedruckt ist. Immer wieder kommt er darin auf die „außenpolitische“ Bedeutung des Spiels zu sprechen: „Wenn das dritte Tor nicht gewesen wäre, würden wir ja heute über dieses großartige Spiel in Wembley gar nicht mehr reden. Und zum Glück sind wir mit den Engländern gute Freunde geworden.“

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