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200 Jahre friesische Seebäder : Ertüchtigungsgruppen in Himmelblau

Wie hingewürfelt, aber mit Plan: Die „Regatta in Wyk auf Föhr“ malte Paul Wilhelm 1909. Bild: Paul Wilhelm Archiv, Dresden 201

Vor zweihundert Jahren wurde in Wyk auf Föhr das erste Seebad Nordfrieslands eingerichtet. Das Museum Kunst der Westküste in Alkersum zeigt die Bilder dieser Sommerfrische.

          Ein Strand, ein Himmel mit verschwimmenden Konturen, vor dem sich scharf die aufs Wesentliche reduzierten Segelboote abzeichnen; ein schmaler Knabe, der aufs Meer blickt; friesische Mädchen im Inneren ihrer Häuser. Und schließlich eine alte Kirche mit langem Schiff, die zum klobigen Turm hin wegzusacken scheint: Die Aquarelle, die im Sommer 1865 von der preußischen Prinzessin Victoria während eines Föhr-Urlaubs gemalt wurden, verdanken sich unübersehbar den Anregungen der neuen Umgebung.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Prinzessin, Mutter des späteren deutschen Kaisers Wilhelm II., traf aber außerdem den Maler Christian Carl Magnussen, der sich in der Sakristei der Kirche von Nieblum ein Atelier eingerichtet hatte, und nahm bei ihm Unterricht. Die Ausstellung „200 × Badesaison“, die gerade im Museum Kunst der Westküste in Alkersum auf Föhr zu sehen ist, erlaubt nun den Vergleich zwischen dem Meister und der Schülerin. Während Victorias detailverliebt gemalte Friesinnen zur Seite schauen, als wäre ihnen der beobachtende Blick der Monarchin unangenehm, wächst Magnussens 1864 gemaltes Modell aufrecht und stolz aus einem diffusen Hintergrund hervor, das Gesicht leicht verschattet.

          Wenn sie den Betrachter nicht wahrnimmt, dann nicht aus Scheu, sondern weil er sich das von ihr Beachtetwerden erst verdienen muss. Ihr Rock aber schimmert im einfallenden Licht, wie um zu betonen, dass von Ärmlichkeit hier keine Rede sein kann, selbst wenn wohlhabende Fremde auf die Bewohner einer abgelegenen Insel treffen, die wenige Jahrzehnte zuvor noch überwiegend von Seefahrt, Landwirtschaft und Walfang gelebt hatten.

          Ein geschichtsträchtiger Schauplatz

          Die Ausstellung findet aus Anlass des zweihundertjährigen Jubiläums des Seebads Wyk auf Föhr statt, damals eine Pioniertat des dänischen Königs Friedrich VI., denn die norddeutschen Herzogtümer gehörten bis 1864 zu Dänemark. Wyk war das erste Seebad des Landes überhaupt, und die anfangs wenigen Gäste nahmen Bäder im offenen Meer, wohin sie mit speziellen Wagen gebracht wurden, in denen sie sich entkleideten und dann unter dem Schutz einer Markise plätschern konnten, bis sie nach wenigen Minuten den diskret entfernten Kutscher zu sich riefen, um sich zurückbringen zu lassen. Wer das Meer zu kalt fand, besuchte die Badeanstalt. Und seit etwa 1830 spielte eine Truppe böhmischer Musikanten auf dem Sandwall auf, der Promenade des Seebads.

          Sein Nachfolger Christian VIII., der seine Sommerferien von 1842 an jährlich in Wyk verbrachte, reise mit etwa hundert Mitgliedern seines Hofstaates an, kaufte ein repräsentatives Haus am Sandwall und regierte je einen Monat lang von hier aus ein Königreich, das von der Nordspitze Grönlands bis an die Elbe reichte. Die Ausstellung beleuchtet diese Phase ausgiebig, vor allem hinsichtlich der Begegnungen die sich dabei zwischen Insulanern und Gästen ergaben.

          Das Fremdeln, der Wunsch auf Seiten der Gäste, die Einheimischen als geradezu exotisch zu sehen, teilt sich in einigen der Bilder mit, etwa in den süßlichen, schwer erträglichen Bildern, die Christian Andreas Schleisner um 1860 von einer genretypisch strickenden Föhringerin oder einer Wahrsagerin malte. Das Bemühen Victorias von Preußen und ihres Lehrers Magnussen dagegen, im jeweiligen Gegenüber den Menschen wahrzunehmen, ist augenfällig.

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