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Deutsches Historisches Museum : Nach 1945 kam das Geld im Leiterwagen

Mit einer Ausstellung in zwölf Kapiteln feiert das Deutsche Historische Museum in Berlin den siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes. Warum ganz Süd- und Südosteuropa dabei fehlen, können auch die Kuratorinnen nicht wirklich erklären.

          Historische Ausstellungen sind eine Sache für sich. Sie handeln nicht, wie Kunstausstellungen, von Werken, sondern von Zeugnissen. Das Werk spricht für den Künstler, das Zeugnis für die Geschichte. Es ist das Zeichen des Lebens, das verging, und der Erinnerung, die blieb. Darum gibt es, anders als bei Kunstwerken, keine geglückten oder misslungenen geschichtlichen Zeugnisse. Es gibt nur Objekte, die sprechen oder nicht sprechen. Die Aufgabe historischer Ausstellungen liegt darin, diese Objekte zum Reden zu bringen, die Tiefe des Geschehens und, mehr noch, des menschlichen Tuns und Leidens aufzuschließen, das sich in ihnen verbirgt. Bleiben die Objekte stumm, haben die Ausstellungsmacher ihr Ziel verfehlt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Ausstellung „1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin ist im hinteren Teil der Sektion, die der Sowjetunion gewidmet ist, eine Kinderpuppe zu sehen. Sie gehörte der sechsjährigen Regina Agata Budvytytè, die im Jahr 1946 mit ihren Eltern aus der litauischen Stadt Kaunas nach Sibirien deportiert wurde. Im Erläuterungstext heißt es, bis 1950 seien 140.000 Litauer Opfer der sowjetischen Deportationen geworden; „fast ein Viertel“ von ihnen habe nicht überlebt. Wie viel Prozent der litauischen Bevölkerung das waren und welchen Zweck die Zwangsumsiedlung verfolgte, wird nicht erklärt.

          Rache und Repression

          Am Eingang des Ausstellungsraums, in dem die Kinderpuppe gezeigt wird, hängt in einer Vitrine ein Bild des Politbüromitglieds Andrej Alexandrowitsch Schdanow. Er ist einer von 36 Zeitzeugen, deren Schicksale dem Besucher der Ausstellung im DHM die Bedeutung des Kriegsendes vermitteln sollen. Die Aufnahme des Stalin-Vertrauten Schdanow in diesen illustren Kreis wird im Vitrinentext mit einer Rede begründet, in der Schdanow im September 1947 die Position der Sowjetunion im beginnenden Kalten Krieg markiert habe. Die Tatsache, das Schdanow vor dem Zweiten Weltkrieg im annektierten Baltikum die Gleichschaltung der dortigen Regierungen an Moskau betrieb und nach dem Krieg als Begründer der sogenannten repressiven Kulturpolitik Publikationsverbote gegen Anna Achmatowa, Boris Pasternak und andere „Speichellecker des Westens“ verhängte, wird nicht erwähnt.

          Historische Ausstellungen sind nicht nur Wegweiser durch das Dickicht der Vergangenheit. Sie verkörpern auch das Urteil der Nachwelt über die Geschichte. Eine Ausstellung über das Jahr 1945, die den Scharfmacher Schdanow in den Vorder- und das deportierte litauische Mädchen in den Hintergrund rückt, bezieht eine symbolisch eindeutige Position. Sie gibt dem Unterdrücker recht gegenüber den Unterdrückten, dem Apparat gegenüber seinen Opfern. Der Raumtext, der die Puppe von Regina Budvytytè mit anderen Objekten aus der Sowjetunion verbindet, etwa mit dem Selbstporträt, das die ehemalige Ostarbeiterin Alla Tichonowa Berjozkina im Arbeitslager bei Irkutsk mit Bleistift zeichnete, lautet „Ahndung und Misstrauen“. Im heutigen deutschen Alltag werden Verkehrsdelikte geahndet; einem Schönredner begegnet man mit Misstrauen. Aber das, was Stalins Politik den Balten und den aus Hitlers Reich befreiten sowjetischen Zwangsarbeitern antat, war weder Ahndung noch Vertrauensentzug. Es waren Rache und Repression. Der zugehörige Raumtext ist ein Skandal, wie immer man es auch dreht und wendet.

          Wie blinde Briefkästen

          Die Kuratorinnen des DHM, Maja Peers und Babette Quinkert, rechtfertigen ihre Auswahl der drei Dutzend Zeitzeugen, deren Gesichter den Besucher auf Holzstelen in einem ovalen Vorraum begrüßen, bevor er durch eine von zwölf Pforten in die einzelnen Sektionen der Ausstellung tritt, mit den großen historischen Linien, die einem heutigen Publikum zunächst begreiflich gemacht werden müssten. Das klänge plausibel, wenn diese Linien in den Kurzbiographien und den Objekten der Ausstellung tatsächlich hervorträten. Aber weder der Federhalter des britischen Kolonialpolitikers Lord Louis Mountbatten, der im Abschnitt zu England, noch die 1948 in London errungene Silbermedaille des Läufers Emil Zatopek, die in der Sektion zur Tschechoslowakei gezeigt wird, leiten zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der Entkolonialisierung oder der Sportpolitik in der Nachkriegszeit über. Sie sind wie blinde Briefkästen, in denen ein Thema abgeworfen und dann vergessen wird.

          Konzeptausstellungen wie diese haben es zugleich schwerer und leichter als andere auf eine Person oder ein Land begrenzte Schauen. Wenn ihr Konzept überzeugt, taucht es den Gegenstand, an dem es entwickelt ist, in ein ganz neues Licht; scheitert es, löst es ihn in lauter unverbundene Einzelheiten auf. Die DHM-Kuratorinnen haben sich, sei es unter dem Zwang der räumlichen Verhältnisse des Museums oder im Bann einer altmodischen Zahlenmagie, für zwölf Länder entschieden, an denen sie die Umbrüche des Jahres 1945 und der Folgezeit verdeutlichen wollen. Polen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, sogar Luxemburg und Norwegen sind dabei, Italien, Griechenland, Ungarn, der ganze Balkan fehlen.

          Der Mantel der Erklärungsnot

          Eine inhaltliche Begründung für diese Auslassung blieben Maja Peers und Babette Quinkert bei der Vorstellung der Ausstellung am Mittwoch schuldig. Man habe sich, hieß es, auf Anrainer des Deutschen Reichs beschränkt. Aber Ungarn und Italien hatten seit 1938 eine gemeinsame Grenze mit Hitlers Großdeutschland, und England und Norwegen grenzten auch bei kräftigem Schütteln der Weltkarte nie an Deutschland. Die Konzeption, die hier waltet, ist keine, sie bemäntelt nur die Erklärungsnot der Verantwortlichen. Die Ausstellung wirkt, als sei sie unter großem Zeitdruck entstanden, und das Kellergeschoss des Pei-Baus, in dem sie gezeigt wird, ist auch nicht gerade der Präsentierteller des DHM. Seit es das Deutsche Historische Museum gibt, wird darüber gestritten, ob es sich bei seiner Planung eher nach aktuellen Themen oder nach Terminen und Jubiläen richten soll. Wenn man sieht, auf welche Weise sich das Museum diesmal eines Jahrestages entledigt hat, möchte man in Zukunft lieber den Themen den Vorzug geben.

          Das Rückgrat jeder historischen Ausstellung sind die Objekte. Sie brechen nicht, auch wenn das Konzept, nach dem sie arrangiert sind, in Trümmern liegt. In jenem Teil der Ausstellung, welcher der deutschen Nachkriegszeit gewidmet ist, steht man vor einer blauen Metallkiste mit drei Rädern, die an einem Holzgriff nach Art eines Leiterwagens gezogen wurde. In solchen Kisten, deren Seitenwände zur Lüftung des Papiers durchlöchert waren, wurden die neuen D-Mark-Scheine im Juni 1948 zur Ausgabe in die Bankfilialen transportiert. Oder ein paar Meter weiter, in der holländischen Sektion, ein Brettspiel, mit dem nach dem Krieg „falsches“, also mitläuferisches, und „richtiges“, vulgo widerborstiges Verhalten unter der deutschen Besatzung, nachgespielt wurde. Es heißt „Laf en flink tijdens Hinkepink“ – „Feige und mutig unter Hinkepink“. Hinkepink, so hieß im Volksmund der von einem Beinleiden gezeichnete Generalkommissar der Niederlande, Arthur Seyß-Inquart. Es gibt Wörter, in denen man Geschichte riechen und schmecken kann. Dieses gehört dazu.


           

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