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Deutsches Historisches Museum : Nach 1945 kam das Geld im Leiterwagen

Wie blinde Briefkästen

Die Kuratorinnen des DHM, Maja Peers und Babette Quinkert, rechtfertigen ihre Auswahl der drei Dutzend Zeitzeugen, deren Gesichter den Besucher auf Holzstelen in einem ovalen Vorraum begrüßen, bevor er durch eine von zwölf Pforten in die einzelnen Sektionen der Ausstellung tritt, mit den großen historischen Linien, die einem heutigen Publikum zunächst begreiflich gemacht werden müssten. Das klänge plausibel, wenn diese Linien in den Kurzbiographien und den Objekten der Ausstellung tatsächlich hervorträten. Aber weder der Federhalter des britischen Kolonialpolitikers Lord Louis Mountbatten, der im Abschnitt zu England, noch die 1948 in London errungene Silbermedaille des Läufers Emil Zatopek, die in der Sektion zur Tschechoslowakei gezeigt wird, leiten zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der Entkolonialisierung oder der Sportpolitik in der Nachkriegszeit über. Sie sind wie blinde Briefkästen, in denen ein Thema abgeworfen und dann vergessen wird.

Konzeptausstellungen wie diese haben es zugleich schwerer und leichter als andere auf eine Person oder ein Land begrenzte Schauen. Wenn ihr Konzept überzeugt, taucht es den Gegenstand, an dem es entwickelt ist, in ein ganz neues Licht; scheitert es, löst es ihn in lauter unverbundene Einzelheiten auf. Die DHM-Kuratorinnen haben sich, sei es unter dem Zwang der räumlichen Verhältnisse des Museums oder im Bann einer altmodischen Zahlenmagie, für zwölf Länder entschieden, an denen sie die Umbrüche des Jahres 1945 und der Folgezeit verdeutlichen wollen. Polen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, sogar Luxemburg und Norwegen sind dabei, Italien, Griechenland, Ungarn, der ganze Balkan fehlen.

Der Mantel der Erklärungsnot

Eine inhaltliche Begründung für diese Auslassung blieben Maja Peers und Babette Quinkert bei der Vorstellung der Ausstellung am Mittwoch schuldig. Man habe sich, hieß es, auf Anrainer des Deutschen Reichs beschränkt. Aber Ungarn und Italien hatten seit 1938 eine gemeinsame Grenze mit Hitlers Großdeutschland, und England und Norwegen grenzten auch bei kräftigem Schütteln der Weltkarte nie an Deutschland. Die Konzeption, die hier waltet, ist keine, sie bemäntelt nur die Erklärungsnot der Verantwortlichen. Die Ausstellung wirkt, als sei sie unter großem Zeitdruck entstanden, und das Kellergeschoss des Pei-Baus, in dem sie gezeigt wird, ist auch nicht gerade der Präsentierteller des DHM. Seit es das Deutsche Historische Museum gibt, wird darüber gestritten, ob es sich bei seiner Planung eher nach aktuellen Themen oder nach Terminen und Jubiläen richten soll. Wenn man sieht, auf welche Weise sich das Museum diesmal eines Jahrestages entledigt hat, möchte man in Zukunft lieber den Themen den Vorzug geben.

Das Rückgrat jeder historischen Ausstellung sind die Objekte. Sie brechen nicht, auch wenn das Konzept, nach dem sie arrangiert sind, in Trümmern liegt. In jenem Teil der Ausstellung, welcher der deutschen Nachkriegszeit gewidmet ist, steht man vor einer blauen Metallkiste mit drei Rädern, die an einem Holzgriff nach Art eines Leiterwagens gezogen wurde. In solchen Kisten, deren Seitenwände zur Lüftung des Papiers durchlöchert waren, wurden die neuen D-Mark-Scheine im Juni 1948 zur Ausgabe in die Bankfilialen transportiert. Oder ein paar Meter weiter, in der holländischen Sektion, ein Brettspiel, mit dem nach dem Krieg „falsches“, also mitläuferisches, und „richtiges“, vulgo widerborstiges Verhalten unter der deutschen Besatzung, nachgespielt wurde. Es heißt „Laf en flink tijdens Hinkepink“ – „Feige und mutig unter Hinkepink“. Hinkepink, so hieß im Volksmund der von einem Beinleiden gezeichnete Generalkommissar der Niederlande, Arthur Seyß-Inquart. Es gibt Wörter, in denen man Geschichte riechen und schmecken kann. Dieses gehört dazu.


 

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