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150 Jahre Musée Réattu : Die Perle unter den Provinzmuseen

  • -Aktualisiert am

Das Musée Réattu im provenzalischen Arles ist eine Schatzkammer der Kunst, wie man sie sich reicher und vielfältiger kaum vorstellen kann. In diesem Sommer wird es hundertfünfzig Jahre alt.

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          Malteserritter als Urahnen, ein revolutionärer Klassizist als Namengeber, ein Falscher Christusdorn als Maskotte. Draußen das grandioseste Panorama: die letzte Biegung des Rhône vor dem schnurgeraden Endspurt zum Meer. Drinnen ein Labyrinth verwinkelter Säle mit – unter vielem mehr – einem hochexpressiv hageren Kruzifixus, Harlekinen und Musketieren aus der Hand des alterswilden Picasso sowie erfrischender Gegenwartskunst inmitten sonnenverbrannter Gemäuer.

          Das Musée Réattu im provenzalischen Arles zählt zu den Perlen unter Frankreichs städtischen Kunstmuseen. Anlässlich seines hundertfünfzigsten Gründungsjahrs lädt es bis Ende Dezember zu einem Spaziergang durch seine sechsundzwanzig Säle ein, der in suggestiven Streiflichtern die eigene Geschichte beleuchtet. Der Parcours ist emblematisch für die rhapsodischen, gedankenblitzenden Wechselausstellungen, mit denen das Haus regelmäßig beweist, dass Phantasiereichtum Finanznot mehr als zu kompensieren vermag.

          Untergebracht ist das Museum in einem ehemaligen Großpriorat des Malteserordens, das während der Revolution beschlagnahmt wurde. Gleich nach der Kasse lüftet ein erster Innenhof den Vorhang auf einen Gebäudekomplex, dem Atmosphäre aus allen Mauerritzen dringt. Eine Mischung aus Spätgotik, Renaissance und Neoklassizismus voller Patina und ramponierter Poesie: Zinnen, Pechnasen und fabeltierförmige Wasserspeier; eine majestätische Ehrentreppe mit seitlich anschließenden Loggias; auf der Beletage das Atelier des Namengebers des Museums mit pompejanisch-roten Wänden und antikisierendem Bodenmosaik.

          Mit hochgekrempelten Ärmeln im Kreis der Familie

          Schon die Tatsache, dass fast das gesamte Œuvre von Jacques Réattu (1760 bis 1833) in den Mauern bewahrt wird, die der Maler Ende des achtzehnten Jahrhunderts erwarb und die seine Tochter 1868 der Stadt Arles vermachte, gibt dem Museum ein besonderes Profil. Réattu ist ein Randfigur der Kunstgeschichte – eine quasi „offizielle“ Gesamtdarstellung wie die durch den ehemaligen Louvre-Direktor Pierre Rosenberg herausgegebene tausendseitige „Histoire de la peinture française“ widmet ihm keine zwanzig Zeilen. Aber er war mehr als bloß ein x-ter Absolvent der Pariser Ecole des beaux-arts und Träger des Rompreises. Ab 1794 reicherte Réattu den neoklassizistischen Formenschatz mit revolutionärer Symbolik an. So entstanden kuriose Zwitterwerke, auf denen nackte Krieger phrygische Mützen tragen und Minerva einer Allegorie der Freiheit zur Seite steht, die die Trikolore schwenkt. Eine Rarität sind aufgrund der Kurzlebigkeit des betreffenden Kults die großformatigen Grisaillen in Form antiker Basreliefs, die einen Tempel des Verstandes hätten zieren sollen.

          Césars „Compression de vélomoteur“ aus dem Jahr 1973 Bilderstrecke
          Bilder einer Ausstellung : Le musée a 150 ans

          Alkibiades und Lukrez, Prometheus und Narziss, aber auch die Bibelfiguren Daniel und Jakob sowie die Heiligen Paulus und Sebastian bevölkern Réattus Bilder. Ganz anders die Malereien seines Onkels und Ziehvaters Antoine Raspal (1738-1811). Sie zeigen ein provenzalisches „Intérieur de cuisine“, ein fast folkloristisch farbenfrohes Nähatelier oder auch den Maler, wie er im trauten Kreis der Familie mit hochgekrempelten Ärmeln an einem Porträtbild arbeitet. Réattus Tableaus sind ambitiöser, aber auch angestrengter; Raspals naive Genreszenen und Porträts junger Frauen im Arlésienne-Kostüm atmen demgegenüber authentisches Lokalkolorit, Freude am Leben und Lust am Malen. Es ist mit Entdeckungen wie diesen beiden so verschiedenen Stadtkindern, dass einen der Besuch von „Provinzmuseen“ bereichert.

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