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13. Istanbuler Biennale : Das Ende des Optimismus

  • -Aktualisiert am

Die Demonstranten sind auf der Straße, die Kunst verschwindet hinter Mauern. Überall begegnet man unüberschreitbaren Grenzlinien. Was erzählt die diesjährige Istanbul Biennale über die Türkei?

          5 Min.

          Wem gehört die Stadt? Selten hat eine große Ausstellung - mit Beiträgen von achtundachtzig internationalen Künstlern - so deutlich eine Frage verfolgt. Ursprünglich war die dreizehnte Istanbul Biennale, die von der türkischen Kuratorin Fulya Erdemci organisiert wird, als experimentelle Intervention in den öffentlichen Raum geplant worden. Die zunehmend gewaltsame Atmosphäre machte dies unmöglich: Im Mai war die Polizei gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz vorgegangen. Tausende von Menschen protestierten dort gegen ein geplantes Bauprojekt im Gezi-Park.

          Eine spielerische Biennale im Stadtraum war danach nicht mehr vorstellbar. Aussichtslos erschien der Kuratorin, sich provokante Kunstaktionen von einer autoritären Regierungspartei genehmigen lassen zu wollen. Die Ausstellung wurde neu konzipiert: Sie handelt jetzt vom öffentlichen Raum, spielt sich aber nicht dort ab. Kann das funktionieren? Der Widerspruch jedenfalls ist in der Türkei kein neuer. Avancierte Gegenwartskunst wird hier nicht nur privat finanziert, man begegnet ihr auch fast ausschließlich in privaten Räumen. Sie ist in den Händen einiger vermögender Familien.

          Erkundung von Territorien und Abzäunungen

          Anne, ben barbar miyim? - Mama, bin ich barbarisch? - lautet der Titel, den man einer Essaysammlung des türkischen Autors Lale Müldür entliehen hat. Und ja, diese Biennale ist eine konsequente Erkundung von Territorien und Abzäunungen, unsichtbaren Grenzlinien und physischen Mauern, der Homogenisierung von gemeinsamen Räumen und der individuellen Abweichung von Normen.

          Poetische und oft absurde Beispiele von Letzterem findet man in der Istanbuler Schau etwa in den bescheidenen Filmen der von Wojciech Krukowski in Warschau gegründeten Akademia Ruchu (Akademie der Bewegung), die schon in den siebziger Jahren kollektive Aktionen organisierte, wie etwa „Stolpern 1“ und „Stolpern 2“ (1977), in denen unterschiedliche Personen wiederholt am gleichen Ort mitten in der Stadt stolpern. Nichts Gravierendes passiert, aber es ist deutlich, dass die Normalität für die Umstehenden ohne weitere Erläuterungen kurz unterbrochen wird.

          Auch Jirí Kowanda ist in Istanbul vertreten: Er hat sich für ähnlich flüchtige Verschiebungen im Alltag interessiert, etwa in „Kontakt“ (1977), einer Arbeit, die nur in dem absichtlichen Zusammenstoß mit anderen Fußgängern besteht. In „Ohne Titel (Aufzug)“ aus dem gleichen Jahr unternimmt er eine Reihe von Aufzugfahrten mit Unbekannten. Der Künstler dreht sich dabei plötzlich um und schaut der Person hinter ihm schweigend in die Augen. In der überwachten Öffentlichkeit Prags der siebziger Jahre hatten diese merkwürdig intimen, aber fast unsichtbaren Aktionen eine deutlich politische Dimension.

          Heute allerdings schaffen die Schwarzweißaufnahmen vor allem eine nostalgische Atmosphäre, auf die man in dieser Ausstellung häufig trifft: Während die Demonstrationen auf der Straße toben, blickt man in den Kunsträumen sehnsuchtsvoll auf eine Zeit zurück, in der die Kunst noch politisch war. Die berühmten Arbeiten des amerikanischen Künstlers Gordon Matta-Clark dürfen da nicht fehlen: „Conical Intersect (1975)“ ist die Dokumentation eines runden Lochs, das durch zwei alte, für den Abriss bestimmte Pariser Gebäude gebohrt wurde. Diese mussten damals dem Centre Pompidou weichen, dessen Bau das gesamte Viertel veränderte. „Conical Intersect“ handelte von der Gentrifizierung eines Stadtteils durch Kunst - ein perfekter Ausgangspunkt für ebendie Diskussion, die auch die Biennale anstoßen will.

          Die beherrschende Stimmung ist düster

          Es gibt auch aggressivere Arbeiten auf dieser Biennale zu sehen: 2009 veranstaltete die früh verstorbene ägyptische Künstlerin Amal Kenawy eine Kriechaktion durch Kairo, bei der fünfzehn auf der Straße kriechende Personen, davon zwei Kinder, den Verkehr stoppten und ein Chaos auslösten. Auch der türkische Künstler Halil Altindere setzt auf Konfrontation. Seit den neunziger Jahren lebt er in Istanbul, zum Thema macht er die eskalierenden sozialen Konflikte, die das Leben in der Metropole färben. Sein anfangs lustiges Hiphop-Video „Wonderland“ (2013), in dem Roma-Jugendliche aus dem Sulukule-Distrikt ihren Frust über die Kommerzialisierung des Stadtteils durch Streitereien und Sabotage zum Ausdruck bringen, wird immer gewaltsamer, bis es plötzlich überhaupt nicht mehr lustig ist.

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