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Zum Tode John Chamberlains : Autos zu Knautschwerken

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Besonders gern verbog er lackiertes Autoblech. Mit diesen Plastiken wurde John Chamberlain berühmt. Jetzt ist der Künstler im Alter von 84 Jahren gestorben.

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          Rost hat John Chamberlain nie gemocht. Es waren vielmehr lackierte, oft auch farbige Autobleche, alte oder fabrikneue, die er faltete, verbog, quetschte und zerknautschte, um sie schließlich zu seinen spektakulären Plastiken zu montieren und zusammenzuschweißen. Mit den auf diese Weise entstandenen Assemblagen wollte der amerikanische Künstler jedoch keineswegs auf die Destruktion des ursprünglichen Gebrauchsgegenstands verweisen, der in seiner Heimat seit je die Rolle eines Fetischs zu spielen pflegt.

          Vielmehr ging es ihm um autonome und gänzlich erinnerungsfreie Kunstwerke, bei denen ihn allein sein hochentwickelter Sinn für Formen und Farbenkompositionen leitete - und seine anhaltende Faszination durch die vielfältigen Möglichkeiten, die das Ausgangsmaterial bot. „Ein Künstler sollte eigentlich gewöhnliches Material benutzen, denn es steht ihm bei der Herstellung einer ungewöhnlichen Sache nicht im Weg“, sagte er einmal.

          Ein New Yorker seit 1956

          John Chamberlain, geboren am 16. August 1927 in Rochester, Indiana, wuchs bei seiner Großmutter auf. Seine Militärzeit verbrachte er auf einem Flugzeugträger im Pazifik und im Mittelmeer. In Chicago machte er von 1950 an eine Friseurlehre; danach begann er ein Kunststudium am Art Institute of Chicago, jobbte zwischendrin als Friseur und Visagist und ging 1955 an das berühmte Black Mountain College in North Carolina, das einst Josef Albers geleitet hatte.

          Dort entstanden beachtliche Zeichnungen, die er jedoch bescheiden als „eine Art Lockerungsübungen für Glieder und Geist“ bezeichnete. 1956 übersiedelte er nach New York, und dort entstanden bald darauf seine ersten Arbeiten, für die er alte Metalle oder zusammengepresste Autoteile verwendete. Diesen Werkstoffen und seiner intuitiven Arbeitsweise ist er sein Leben lang treu geblieben; seine gelegentlichen Versuche, Skulpturen aus Schaumstoff oder anderen Materialien zu schaffen, blieben ziemlich erfolglos.

          Zwischen Nouveau Réalisme und Abstraktem Realismus

          Mit seinen heiteren, mitunter geradezu barock anmutenden metallenen Knautschskulpturen galt Chamberlain als einer der Vorläufer der Pop-Art. Und der Leichtigkeit und Eleganz seiner Formensprache entsprechen auch die attraktiven Titel, die er seinen Kunstwerken gab - „Verb Goddess“ etwa, „Loreley’s Passion“, „Dogeymatador“ „Okeydokey“, „Twent-One-Jewels“ oder „Shoemaker’s Knife“. Zugleich schuf der Künstler aber auch kleinformatige Skulpturen, die er als „Baby Tycoons“ bezeichnete.

          John Chamberlain gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Künstler des zwanzigsten und des begonnenen Jahrhunderts. Sein Œuvre umfasst vor allem Skulpturen und Assemblagen, aber auch Filme und fotografische Arbeiten. Als Künstler wird er oft zwischen Nouveau Réalisme und Abstraktem Realismus angesiedelt. Er hat in den großen Museen der Welt ausgestellt und war 1982 auf der siebten Documenta in Kassel vertreten. Am 21. Dezember ist Chamberlain mit 84 Jahren in New York verstorben.

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