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Zum Tod von Walter De Maria : Wie man aus einem Blitz Kunst macht

  • -Aktualisiert am

Ein treuer Anhänger des Reinheitsgebots: Zum Tod des Kunstpioniers Walter De Maria, der von der Rockmusik zur Land-Art übergewechselt ist und dessen Werk aus und durch Phantasie besteht.

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          In SoHo, dem New Yorker Boutiquenparadies, aus dem die einst ansässigen Künstler längst vertrieben wurden, überlebt die Kunst eines von ihnen in einem versteckten Loft in der Wooster Street. Dort verbreitet sich mitten in der Stadt Landluft, ein feuchtschweres Aroma, das den Besucher in einem einzigen Atemzug von Manhattan auf einen vorindustriellen Bauernhof verfrachtet. Der gesamte Raum ist bedeckt mit dunkler, lehmiger Erde, einen halben Meter hoch, aber doch bar jeglicher Vegetation. Von keinem Pflänzlein verunreinigt, duftet und dämmert der „New York Earth Room“, der in München 1968 seine Weltpremiere hatte, nun schon in seinem fünften Jahrzehnt still vor sich hin.

          Nicht weit davon entfernt, auf dem West Broadway in SoHo, rufen fünfhundert Messingstäbe, jeder zwei Meter lang und auf Hochglanz poliert, in millimetergenauen Formationen eine Ahnung von Unendlichkeit hervor, die auf strenger Ordnung beruht. Immerhin bietet dieser „Broken Kilometer“ noch einen meditativen Reiz fürs Auge, was von seinem Pendant, dem „Vertikalen Erdkilometer“, nicht mehr zu sagen ist. Der wurde während der sechsten Documenta 1977 in den Boden des Kasseler Friedrichsplatzes versenkt, wo von dem fünf Zentimeter dicken Messingkilometer gerade mal der Anfang zu sehen ist. Oder das Ende?

          Ideal einer minutiös abgezirkelten Ästhetik

          Wenig zu tun jedenfalls für den bewundernden oder prüfenden Blick, viel für die rege Phantasie. Und Phantasie ist bei Walter De Maria die Voraussetzung nicht nur der künstlerischen Produktion, sondern auch deren Rezeption. Selbst sein phantastischstes Werk, das „Lightning Field“ in der Wüste von New Mexico, kommt meist nicht ohne möglichst aktive Vorstellungskraft des Betrachters aus. Denn die vierhundert Edelstahlstäbe, die er da auf einem einen Kilometer breiten und eine Meile langen Areal wieder in geometrischer Strenge und Ordnung verteilt hat, ziehen seltener den Blitz an als vom Künstler vorgesehen.

          Die Idee eines Feldes, auf dem die Natur im Kunstwerk tobt und das Kunstwerk mit der Natur sich verbündet, ist freilich bezwingend. Mit solchen extravaganten Monumentalprojekten machte De Maria sich als Pionier der Land-Art in den siebziger Jahren einen Namen, finanziell gefördert von der Dia Art Foundation und deren Gründer Heiner Friedrich, in dem er seinen unermüdlichen Propheten fand. In ihrer Anlage entsprach seine Kunst genau dem Ideal einer minutiös abgezirkelten Ästhetik, wie sie sich aus dem konzeptuellen, minimalistischen und nicht selten auch repetitiven Reinheitsgebot von Dia Art entwickelt hatte.

          Gar so rein waren De Marias frühe Jahre allerdings nicht. 1935 in Kalifornien geboren, war ihm die Musik bald nicht weniger wichtig als die Kunst, die er in Berkeley bei dem Maler und Jazzmusiker David Park studierte. Mit Happenings machte er sich in der Avantgarde von San Francisco vertraut, und in New York, wohin er 1960 umgezogen war, setzte er die performativen Experimente, die damals in Schwung kamen, mit Gleichgesinnten wie Simone Forti und Robert Whitman fort. Ein bisschen Dada hier, eine Prise Performance dort, und schon waren die interaktiven Holzskulpturen fertig, die sich aufs Aparteste zu seiner „Cricket Music“ gesellten, einer Aufnahme mit Grillengezirpe und eigenen Schalzeugzutaten. Er stellte ein schwarzes Telefon in eine Galerie, dazu ein Schild mit der Erklärung und Anweisung: „Wenn dieses Telefon klingelt, können Sie den Hörer abnehmen. Walter De Maria ruft an und würde gern mit Ihnen sprechen.“

          Als Schlagzeuger stand der gelernte Pianist dem Trompeter Don Cherry bei, und noch folgenreicher hätte seine Mitwirkung bei den Primitives werden können, einer Band, die sich später, mit etwas Nachhilfe von Andy Warhol, als Velvet Underground in der Rockgeschichte wiederfand. Von einem exhibitionistischen Rocker hatte De Maria nun aber überhaupt nichts an sich. Obwohl seit einem halben Jahrhundert in New York zu Hause, trat er im lokalen Kunstzirkus so gut wie überhaupt nicht auf, gab kaum einmal ein Interview und ergriff die Flucht, sobald eine Kamera drohte.

          Auf Besuch in Kalifornien, wo er den hundertsten Geburtstag seiner Mutter mitgefeiert hatte, erlag Walter De Maria, siebenundsiebzig Jahre alt, den Folgen eines Schlaganfalls.

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