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Zum Tod von Klaus Gallwitz : Die Sieben als Erfolgscode

Klaus Gallwitz vor dem Werk "Frühstück", 1868, von Claude Monet im Frankfurter Städelmuseum Bild: Barbara Klemm

Erfinder der Blockbuster-Ausstellungen und Avantgardist pragmatischer Innovationen: Klaus Gallwitz war zwanzig Jahre lang Direktor des Städel Frankfurt und Gründungsdirektor zweier weiterer Museen. Nun ist er gestorben.

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          Als Eduard Beaucamp im September vergangenen Jahres Klaus Gallwitz zu dessen neunzigstem Geburtstag als „umtriebigsten, vielseitigsten, wohl auch wagemutigsten und einfallsreichsten Kurator auf der deutschen Kunstszene der Nachkriegszeit“ ehrte, gab es keinerlei Widerspruch. Im Gegenteil. Beaucamp sprach dem gebürtigen Pillnitzer „die sinnliche Vitalität der Sachsen“ zu. Tatsächlich war ein von Gallwitz gewissermaßen verkörpertes Erfolgsrezept das des theoriefernen Praktikers, der seine Zuhörer stets für handfeste, nicht-abstrakte Kunst zu begeistern wusste. Der Museumsdirektor musste den früheren Galeristen nicht verleugnen: Der Beginn seiner Laufbahn 1957 mit einer Zimmer-Galerie in Karlsruhe wird eine Schulung in Anschaulichkeit gewesen sein.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Ebenso lebendig konnte Gallwitz Kunst offenkundig in den sieben Jahren seiner Leitung des Badischen Kunstverein von 1959 an vermitteln und schmackhaft machen, steigerte er doch dort die Zahl der Mitglieder von achthundert auf zweitausend. Seit dieser Zeit forschte er viel zu Max Beckmann, dessen Druckgrafik er in einem Werkverzeichnis zusammentrug und der später in Frankfurt sein Hausheiliger werden sollte. Zuvor allerdings, in wiederum sieben Jahren von 1967 bis 1974, leitete er die Kunsthalle Baden-Baden und entwickelte neue Ausstellungsformate für junge Kunst. In diesen neuartigen, da von ihm selbst erfundenen Präsentationen von insgesamt sage und schreibe siebzig Debütanten in offenen Ateliers, heute eine Selbstverständlichkeit etwa bei Absolventenschauen von Kunsthochschulen, finden sich unter anderen die heute teuersten deutschen Künstler Richter und Uecker, Baselitz und Kiefer, die Gallwitz später auch als Berater der Documenta und Kurator dreier Venedigbiennalen förderte.

          Mit Dalí in Baden-Baden löste er das Surrealistenfieber in Deutschland aus  

          Bei aller Werbung für eine immer figürliche Moderne vergaß Gallwitz in Baden-Baden nie die historischen Bestände und zeigte etwa den damals noch verschrieenen Salon- und Historienmaler Makart neben Kandinsky, die Präraffaeliten neben dem späten und von vielen als irrelevant abgeschriebenen Picasso. Mit dem phänomenalen Publikumserfolg seiner Schau zu Salvador Dalí 1971 aber brachte er das Bildungsbürgerschranken überwindende niedrigerschwellige „Blockbuster“-Format nach Deutschland und gewann vor allem ein junges Publikum – achtzig Prozent der Besucher waren unter 25 Jahre – für den Surrealisten, was nicht verwundert: Schon der Katalogumschlag ist Kunst – Schnurrbart und Auge Dalís, letzteres mit Gala und einer seiner weichen Uhren in der Iris, lösen sich hier in einem tagesaktuellen Pop-Art-Siebdruck in Punkten auf. Zudem sorgten hierzulande noch nie gesehene Bilder der in die Schau einbezogenen Sammlung des Dalí-Freundes Edward James für eine erhebliche Erweiterung des Bilds des Künstlers. Inhaltlich wurde im Katalog Dalís „Kannibalismus im Herbst“ von 1936/37 aus der Londoner Tate als Bürgerkriegsbild betont, was wohl offene Ohren und Augen der Vietnamkriegsgeneration einrannte.

          In seiner Zeit als Direktor des Frankfurter Städel von 1974 bis 1994 baute Gallwitz die Brückenbildung zwischen neunzehntem und zwanzigstem Jahrhundert aus. So wurden die Vorgeschichten zu Impressionisten wie Bonnard erzählt, Courbet und Matisse kontextualisiert, der Schwarzromantiker Delacroix erstmals in seiner Bedeutung für die deutsche Kunst sichtbar gemacht, aber auch die Zeitgenossen nicht vernachlässigt. Reichlich Neuerwerbungen stellte Gallwitz im Städel mit klugen Ausstellungen vor. Vor allem aber brachte er den Frankfurtern in mehreren Schauen „ihren“ Lokalmatador Beckmann etwa mit dessen zusammengeführten Großtriptychen nahe.

          Selbst nach seiner Pensionierung ruhte Gallwitz nicht und kehrte als Gründungsdirektor des Burda-Museums in Baden-Baden zuerst in die alte Wirkungsstadt zurück, um hernach noch das Arp-Museum in Remagen aus der Taufe zu heben. Vergangenen Donnerstag ist dieser verdienstvolle Praktiker der Kunst nun mit einundneunzig Jahren gestorben.

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