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Zum Tod des Künstlers Franz West : Der Mann mit dem Diwan

Franz West zählte zu den wenigen österreichischen Künstlern von internationalem Rang. Seine Skulpturen Rang er der menschlichen Körperform ab. Jetzt ist er im Alter von 65 Jahren gestorben.

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          Vielleicht konnte auf die Ideen, die hinter den Werken von Franz West stehen, tatsächlich nur ein Mann kommen – und nur einer, der aus dem innersten Wien herstammte. Wer sonst hätte den Gedanken haben können, ausgewachsene „Neurosen“ schlicht zu materialisieren? Auf dass sie dann aussehen wie bonbonbunte aufgeblasene Nierensteine, die auf dem Boden in der Gegend herumliegen und an denen jeder sich stoßen kann.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          An der Wiege von Franz Wests bedeutender Karriere, die ihn zu einem der wenigen, international bekannten zeitgenössischen Künstler aus Österreich – etwa neben Erwin Wurm oder Arnulf Rainer, in Graden auch Maria Lassnig oder Valie Export – machte, stand zuvörderst der Wiener Aktionismus mit seinen anarchischen, stark körperlich geprägten Einlassungen. West erfand die so geheißenen „Passstücke“: Sie funktionieren als hybride Objekte, vom menschlichen Körper abgeformt, zugleich aber auch Werke eigenen Rechts mit manchmal kantigen, doch stets dem Humanum entlehnten oder affinen Konturen.

          Sie konnten sich dann auswachsen zu autonomen, meist bemalten Skulpturen, etwa aus Gips, die nur auf den ersten Blick wie roh hingehauen aussehen, dann jedoch mit all ihren Schründen, so paradox es klingt, Verletzlichkeit und Würde ausstrahlen.

          Franz West hat in seinem Schaffen ernst gemacht mit der Verbindung, die das Schlagwort von „Kunst und Leben“ meint: Er machte die Grenze, die dort vom Design gezogen ist, buchstäblich durchlässiger; er laborierte als ein Entwerfer im Wortsinn. Dabei bleiben auch seine Einrichtungsgegenstände, allen voran die Sitzmöbel, nicht ohne Hintersinn, wenn nicht gar Hinterhalt. Vielleicht sind sie, im Grunde, von Sigmund Freuds Diwan her gedacht: Erst waren das strenge eiserne Ruhebetten, dann wurden sie mit Schaumstoff bezogen und mit orientalischen Teppichen belegt – bekannt geworden, wie sie solcherart 1992 im Freiluftkino der Documenta 9 standen. Franz West ließ sie weiter zu form- und farbfreudigen Stühlen und Couches mutieren. In Wohnungen, Ateliers und Galerieräumen wurden sie zu kostspieligen Markenzeichen stillschweigender Übereinkunft in Sachen Stil.

          Nie ging die krude Aufsässigkeit der frühen Jahre ganz verloren, als West zum Kunststar avancierte, den der Markt liebte und umhegte. So präsentierte zuletzt auf der Messe „Art Basel“ in diesem Jahr die global agierende Galerie Gagosian seine viel beachtete Arbeit „Gekröse“, eine riesengroße Verschlingung aus fleischfarbenen Aluminiumröhren, zwischen Beängstigung und Hohn. Noch 2011 wurde er bei der Biennale in Venedig mit dem Ehrenlöwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Gestern ist Franz West, der am 16. Februar 1947 in Wien geboren wurde, in der Stadt, deren Geist er atmete, gestorben.

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