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Zum Tod von Lawrence Weiner : Soweit das Auge sehen kann

  • -Aktualisiert am

Auf der Documenta 13 im Jahr 2012: Lawrence Weiner Bild: Wolfgang Stahr/laif

Kunst muss nicht unbedingt gemacht, sie muss aber gedacht sein, proklamierte Lawrence Weiner, der die Konzeptkunst erfunden hat. Jetzt ist er gestorben. Ein Nachruf

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          Seine Magna Charta war eine Handreichung für die zeitgenössische Kunst, proklamiert 1968 in drei Paragraphen. Der Künstler könne das Werk herstellen, es auch herstellen lassen, es müsse aber nicht notwendig hergestellt werden. Jede dieser Optionen sei gleichwertig, gegebenenfalls könne „der Empfänger“ darüber entscheiden. Wie immer ein Kunstwerk geistig oder physisch vor Augen treten mag – sich darüber Gedanken zu machen, ist selbst Kunst.

          Dies war die Botschaft von Lawrence Weiners „Declaration of Intent“, dem unbestrittenen Hauptwerk des 1942 in New York geborenen Sohns eines Süßwarenhändlers, der als Autodidakt die Kunst seit den sechziger Jahren prägte und allein viermal an der Documenta teilnahm. Der Name Lawrence Weiner und die ungemein einflussreiche Conceptual Art erscheinen bis heute als Synonyme, selbst wenn die dazugehörigen Gedanken und der Begriff schon 1962 durch Henry Flynt ins Spiel gebracht worden waren.

          Stets frisch und jugendlich

          Weiners bevorzugte Ausdrucksform waren Text, Schrift und Typographie in Versalien, häufig mit farbigen Linien unterstrichen oder eingekringelt, stets frisch und jugendlich, alles andere als sinnenfeindlich an die Wand gebracht – horizontal, vertikal, in Pirouetten verwirbelt, ob im Museum oder im öffentlichen Raum. Zahlreiche solcher Textwerke, die Weiner eigenwillig als Skulpturen verstand, handeln von Gewicht, Maß und Relation, andere spielen auf das Verhältnis von Natur, Kultur und Zivilisation an; manches bleibt einfach nur kryptisch. Viele Wandarbeiten erscheinen tatsächlich so abstrakt wie ungegenständliche Skulpturen und so ausgedehnt wie die Environments der Land Art.

          Unvergessen der trockene, ganz in Schwarz gehaltene Schriftzug im Kölnischen Kunstverein, im Jahr 2000 in einer Doppelausstellung mit dem brasilianischen Künstler Cildo Meireles: „As far as the Eye can see“, soweit das Auge reicht – Phantasie, entfacht durch Poesie und Prosa zugleich. Dabei stand ganz am Anfang und als Ausgangspunkt dieses schlanken Œuvres um 1962 noch ein klobiger, behauener Stein, den Weiner auf einem rustikalen Holztisch aufgesockelt hatte – von hier aus sollte sich das materielle Werk zielstrebig auflösen, eine gänzlich unvermutete Arbeit, zu sehen 2008 in einer farbenfrohen Retrospektive im K21 der Düsseldorfer Kunstsammlung.

          Dort trafen wir damals den Künstler, er klagte beiläufig über Knieschmerzen. Hoffentlich nichts Schlimmes? Nicht wirklich, so Weiner, er sei als Jugendlicher in der Bronx, wo er aufgewachsen war, einmal angeschossen worden. Das erzählte er so lakonisch, wie wenn er mal einen Bus verpasst hätte. Nun ist Lawrence Weiner am vorigen Donnerstag nach langer schwerer Krankheit im Alter von neunundsiebzig Jahren in New York gestorben.

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