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Zum Tod von Ricardo Bofill : Er brachte die Idee des Fests zurück in die Architektur

Ricardo Bofills erster großer Massenwohnungsbau in Barcelona: Walden 7 Bild: AFP / Gregori Civera / Pati Nunez Agency

In seiner Vision gemeinsamen Wohnens sollte jeder so leben können wie der Sonnenkönig. Doch seine Phantasieantike hat nicht funktioniert wie erhofft. Zum Tod des Architekten Ricardo Bofill.

          4 Min.

          Ricardo Bofill Leví war vielleicht der europäischste, der mediterranste Architekt seiner Generation: geboren 1939 in Barcelona als Sohn eines spanischen Bauunternehmers und einer italienischen Mutter, besuchte er das französische Gymnasium und wuchs nicht nur mit drei romanischen Sprachen, sondern auch mit drei verschiedenen Kulturen des Mittelmeeres auf. Vielleicht waren es die italienischen Erfahrungen mit einer Architektur, die nicht wie die klassische Moderne in eine leere Fläche hineinprojiziert wird, sondern die auf Fragmenten alter Häuser aufbaut und die Ruinen als Material für die Zukunft nutzt, die seinen Blick für die spektakulärste modernen Ruine von Barcelona schärfte.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          1973 kaufte Bofill eine aufgegebene Zementfabrik in einem Vorort von Barcelona, zu der dreißig Silos gehörten. Auf dem Höhepunkt einer technokratischen Moderne, die den Altbestand der Städte großflächig abriss, baute er die Gerippe des Ortes, an dem das Grundmaterial für diese Moderne hergestellt wurde, zu seinem Wohnhaus um, was man als eine programmatische Setzung lesen muss: Er zeigte, dass ein Leben in den Ruinen der Gegenwart nicht nur möglich, sondern aufregend ist. Bofill entfernte Betonwände, schnitt Lichtschächte und Bögen in die alte Fabrik ein, überglaste und bepflanzte, bis der Bau sich in einen zauberhaften, lichten Dschungel verwandelte – und das zu einer Zeit, als das Wort „Loft“ in Europa noch unbekannt war.

          Später fand in den lichtdurchfluteten Silos auch sein Büro Platz, das er „Taller de Arquitectura“ nannte, Architekturwerkstatt, als sehe er seine Aufgabe eher im Reparieren als darin, Reißbrettentwürfe in die leere Landschaft zu donnern. Die wuchernde Natur in seinem Ruinenhaus erinnerte eher an Fragonards rauschende Tumultwälder als an Zimmerpflanzen: Bofill idyllisierte nicht, er machte nichts gemütlicher, er vergrößerte den Maßstab und erreichte damit das, was Roland Barthes fünf Jahre später in seiner berühmten Vorlesung „Wie zusammen leben“ als Magnifizenza bezeichnete – als eine Größe, die nicht erschlagend, sondern euphorisierend, festlich verschwenderisch und darin befreiend wirkt.

          Noch heute ein Vorbild

          Mit Barthes verband Bofill das Interesse an einem französischen Visionär des 19. Jahrhunderts, der Europa nicht nur politisch, sondern auch architektonisch prägte: Charles Fourier (1772 bis 1837) erfand nicht nur das Wort Feminismus und die Wirtschaftstheorien, die Karl Marx' Denken maßgeblich beeinflussten, sondern auch das „Phalansterium“: Nach Fouriers Willen sollten die Arbeiter in Zukunft nicht in schäbigen kleinen Hütten wohnen, sondern in einem Palast für 1600 Bewohner, der an Versailles erinnert, mit einem Festsaal für Feiern und Bankette, einer Bibliothek, Schulen und Kindergärten; alle Bürger, auch die ärmsten, sollten leben können wie der Sonnenkönig. Das Phalansterium war die Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus – nur dass im 20. Jahrhundert leider alles, was Fourier wichtig war, das Festliche und Rauschende, aus Kostengründen eliminiert wurde.

          Ricardo Bofill, geboren am 5. Dezember 1939 in Barcelona, gestorben am 14. Januar 2022 in Barcelona, Anfang Oktober 2019 in Valencia Bilderstrecke
          Manzanera, Montpellier, Madrid : Bofills Bauten

          Bofill eröffnete sein Architekturbüro in einem Moment, in dem die Verheerungen des modernen Unterbringungs-Funktionalismus überall in den Vorstädten sichtbar wurden. Sein erster großer Massenwohnungsbau in Barcelona, Walden 7 – so benannt nach B.F. Skinners Roman „Walden 2“, der sich seinerseits auf Thoreaus „Walden“ bezieht – war ein radikaler Gegenentwurf: kein Betonregal, sondern eine aus achtzehn Türmen bestehende rotgekachelte Burg mit 450 Wohnungen, vielen Gemeinschaftsräumen und sieben Innenhöfen, über die sich türkis geflieste Brücken und Balkone spannen. Auf denen können sich die Bewohner treffen, Tische zusammenstellen und feiern. Plötzlich hatte der soziale Wohnungsbau wieder soziale Begegnungsräume wie ein altes Dorf, Festsäle und einen Swimmingpool auf dem Dach. Noch heute ist Walden 7 das Vorbild vieler Kommunen- und Wohngruppenhäuser.

          Wie eine Antwort auf die neuesten Fragen

          In Alicante baute Bofill zwei Apartmentkomplexe mit 45 Wohnungen, von denen einer aussah, als habe man 45 traditionelle Ferienhäuser übereinandergestapelt. Fouriers Grundidee, dass alle, und vor allem die Armen, wie der französische Sonnenkönig leben sollten, nahm Bofill beim Wort: Von 1979 an baute er in den trostlosen Vororten von Paris gleich vier neue Siedlungen, die als Höhepunkt der Postmoderne gelten und allesamt antike und barocke Motive in den sozialen Massenwohnungsbau einführen. Während Bofills frühe Bauten noch an die abstrakten Volumen und die Farben der Architektur von Luis Barragán oder Matthias Goeritz erinnerten, bog er in Frankreich scharf in Richtung Architekturgeschichte ab: „Les Arcades du Lac“ und „Le Viaduc“ verkleidet er eine Massenwohnsiedlung mit Gesimsen, Blendsäulen, Archivolten und Giebeln und ordnet sie um einen runden, von Arkaden gesäumten Platz an, in dessen Mitte ein Tempel thront. In Paris baute er hinter dem modernen Tour Montparnasse die „Echelles du Baroque“ –  einen Barockplatz mit 274 Wohnungen, die sich hinter monumentalen dorischen Säulen, Simsen und rustizierten Sockeln verbergen. Was folgte, war eine Mischung aus Revolutionsarchitektur und Science-Fiction: Bofills Wohnkomplex am Palais d’Abraxas in Marne-la-Vallée hat 600 Wohnungen, vor denen sich kannelierte Monumentalsäulen über 18 Etagen hoch bis zu den gesprengten Giebeln erstrecken.

          Dass diese Phantasieantike nicht so funktionierte wie erhofft, lag auch daran, dass diejenigen, die hier wohnen, meist Tag und Nacht für Geringstlöhne arbeiten müssen und keine Zeit haben, die großen Amphitheater, die Bofill ihnen baute, auch zu nutzen. So wurde die postmoderne Utopie vom „Versailles für alle“ zur Kulisse für düstere Filme; ein Teil von den „Tributen von Panem“ wurde hier gedreht.

          Später baute Bofill Flughäfen und Universitäten in Nordafrika, das Citadel Center in Chicago  und das gläserne Segel am Strand von Barcelona. Vor allem aber sein Umbau der Zementfabrik ist rückblickend ein Werk, das weit ins 21. Jahrhundert weist: Heute, ein halbes Jahrhundert später, wirkt die massiv begrünte, von Efeu und hohen Zypressen überwucherte „Fabrica“ wie eine Antwort auf die neuesten Fragen – nämlich die, wie man die Ruinen der Spätmoderne, die gerade der Digitalisierung zum Opfer fallen, die Fabriken und Shoppingmalls und Postämter, die Bürotürme und die anderen Großstrukturen nachhaltig und intelligent umnutzen kann. Am vergangenen Freitag ist Ricardo Bofill, der die Schönheit der Ruinen und die Idee des Fests in die Architektur zurückbrachte, im Alter von 82 Jahren in Barcelona gestorben.

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