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Zum Tod von Helke Bayrle : Sie war unsere geheime Universität

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Künstlerin Helke Bayrle. Bild: Sunah Choi

Die Frankfurter Künstlerin und Filmemacherin Helke Bayrle schuf ein einmaliges Archiv. Sie hielt die Kunst im Augenblick fest. Ein Nachruf.

          2 Min.

          So lange wir denken können, war die Frankfurter Küche von Helke und Thomas Bayrle eines der informellen Zentren der deutschen Kunstwelt. Was für ein großartiger Ort sie schon vor drei Jahrzehnten war! Jeder durfte dort auftauchen und tat es auch und bekam Helkes legendäres Risotto und dazu ein Glas Wein. Künstler aller Generationen waren eingeladen, mitzudiskutieren, als Gleiche, es gab keine Wichtigtuerei. Dan Graham saß dort mit Studenten der Städelschule, und niemand wunderte sich, wenn Isa Genzken oder Franz West plötzlich unangekündigt auftauchten. Spät in der Nacht kam dann noch Kasper König dazu und brachte Peter Cook und Dara Birnbaum oder einfach seine Nachbarn und deren Kinder mit.

          Frankfurts Black Mountain College

          Bayrles Küche war der unprätentiöseste denkbare Kunst-Ort – und dennoch ein in jedem Sinne des Worts außerordentliches Forum für Gespräche über Kunst und alles, was damit zu tun haben könnte. Diese Küche übertraf alle hochprofessionellen akademischen Arenen, in die wir in all den Jahren eingeladen waren. Sie war ein Ort, an dem Wissen aus den verschiedensten Welten ausgetauscht wurde (die Bayrles haben immer gesagt, dass man einen Garten für Poesie, Musik und Kunst kultivieren sollte). Einmal haben wir Robert Rauschenberg von diesen zauberhaften Küchenmomenten erzählt, und er sagte, das erinnere ihn an das Black Mountain College – und ja, vielleicht war es diese Frankfurter Küche, die dem Geist dieser legendären Kunstschule am nächsten kam.

          Helke Bayrle, 1941 im polnischen Thorn geboren, arbeitete seit 1969 sehr eng mit ihrem Mann, dem Künstler Thomas Bayrle, zusammen. Sie war eine sehr besondere Filmemacherin. Seit den frühen neunziger Jahren dokumentierte sie den Aufbau von Ausstellungen im Portikus mit ihrer Videokamera. Was dabei herauskam, ist eine unvergleichliche Sammlung von Künstlerporträts, mit Hintergrundmaterialien und Bildern aus Situationen, die der Zuschauer normalerweise nie zu sehen bekommt, wenn die Ausstellung erst eröffnet ist.

          Gegen das Vergessen

          Viele Ausstellungen vergisst man. Aber Helke sagte einmal, es sei wichtig, zu erinnern, gerade in einem Zeitalter mit überbordenden Massen an Information. Ihr Archiv war auch ein Protest gegen das Vergessen. Über zwei Jahrzehnte lang machte sie diese Filme zusammen mit der koreanischen Künstlerin Sunah Choi. Helkes Filme gingen dabei weit über normale Dokumentationen hinaus. Sie sind sehr persönliche, intime Beobachtungen von Künstlerpersönlichkeiten und auch des Prozesses, eine Ausstellung zu machen. Wenn ein Künstler nicht gefilmt werden wolle, akzeptiere sie das, sagte Helke einmal, aber fast jeder wollte gefilmt werden, und so entstand ein unendlich reiches, historisch bedeutsames Archiv.

          Wie soll man den Stil von Helkes Porträts beschreiben? Sie mache sehr emotionale Filme und wisse nie, was passieren wird, sagte sie einmal, das mache ihre Arbeit aufregend, darin liege der ganze Spaß.

          Wir beide wurden Ausstellungsmacher, als wir noch jung waren, aber keiner von uns war dafür ausgebildet worden. Auf eine gewisse Weise wurde Helkes und Thomas‘ Küche zu unserer Universität, und die Künstler in ihrem immer weiter wachsenden Archiv – von Marlene Dumas und Wolfgang Tillmans bis zu Yoko Ono und Matthew Barney – waren die besten denkbaren Tutoren. Vor allem aber sind wir Helke, einer der offensten und liebenswürdigsten Personen der Kunstwelt war, unendlich dankbar.

          Daniel Birnbaum ist ehemaliger Rektor der Städelschule und Direktor von Acute Art. Hans Ulrich Obrist ist künstlerischer Leiter der Serpentine Gallery in London.

          Aus dem Englischen von Niklas Maak.

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