https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/zum-tod-der-fotografin-mary-ellen-mark-13614790.html

Zum Tod von Mary Ellen Mark : Die Menschen am Rande

Ihr war kein Leid fremd, und ihre Aufmerksamkeit galt den Menschen am Rande. Mary Ellen Mark betrachtete die Welt durch den Schutzschirm ihrer Kamera. Nun ist sie mit 75 Jahren gestorben.

          1 Min.

          Mein Interesse“, erklärte die Fotografin Mary Ellen Mark bei Gelegenheit, „gilt einzig den Menschen am Rande.“ Das war milde formuliert. Wer durch ihre Bildbände blättert und ihre Zeitschriftenreportagen vor Augen hat, könnte leicht vom Glauben an die Welt abkommen. So viel Elend, so viel Verzweiflung. Sie aber, sagte sie, fühle eine Nähe, geradezu eine Verwandtschaft zu Menschen, die nicht die besten Ausgangspositionen hatten. Und so sind ihre Bilder über all die kunstvollen Kompositionen hinweg geprägt von einer überraschenden Wärme. Die vielbeschworene Würde, von der angesichts seriöser Sozialreportagen aberwitzig oft die Rede ist, soll hier deshalb nicht herangezogen werden.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Mary Ellen Marks Zugang war menschliche Nähe, nicht respektvolle Distanz. Fast möchte man ihre Aufnahmen als Bilder aus einem Familienalbum bezeichnen. Bloß dass diese Familien im Bordell wohnen, in der psychiatrischen Anstalt, im Heim von Mutter Teresa oder in einer schrottreifen Limousine, mit der sie ziellos durchs Land fahren.

          Man empfand sie nicht als Bedrohung

          Hunger und Lepra, Wahnsinn, Aids und Drogensucht – kein Leid war Mary Ellen Mark fremd. Die Kamera wurde ihr dabei mehr als einmal zum Schutzschirm, die Wirklichkeit zu ertragen. Und ein wenig war es wohl auch so, als gebe sie ihr das Recht, intensiv hinzuschauen, wovor andere den Blick abwenden. Aber nicht zuletzt, dass sie eine Frau war, ermöglichte ihr Zugang zu privatesten Momenten. Man empfinde sie nicht als Bedrohung, sagte sie. Und bisweilen entstanden sogar Freundschaften. So kehrte sie nach Jahren an manche Orte zurück, um noch einmal zu fotografieren.

          Dann wurden die Reportagen besonders intensiv, auch besonders hart. Denn es gab kein Vorher-Nachher. Selbst dort, wo ihre ersten Bilder zu einer Spendenflut führten, hatten die Familien das Geld längst wieder verprasst. Der Illusion, die Welt zu verbessern, war Mary Ellen Mark deshalb nie verfallen. Aber es sollte niemand sagen können: Das habe ich nicht gewusst.

          Als immer weniger Illustrierten Interesse an Bildgeschichten hatten, die „schwer anzuschauen“ sind, wie sie es nannte, fand sie ihr Einkommen auf anderen Feldern – mit Porträts, bei Firmenzeitschriften, auch auf dem Kunstmarkt. Aber stets finanzierte sie damit nur wieder ihre Ausflüge an den Rand der Wohlstandsgesellschaft. Für den Herbst ist ihr letztes Buch angekündigt: „Tiny – Streetwise Revisited“, Folgeband eines ihrer Klassiker. Jetzt ist Mary Ellen Mark nach langer Krankheit im Alter von fünfundsiebzig Jahren gestorben.

          Weitere Themen

          Nächstenliebesgeschichte

          Martinů-Oper in Osnabrück : Nächstenliebesgeschichte

          Flüchtlingshilfe ohne Selbstgerechtigkeit: Das Theater Osnabrück zeigt die Oper „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinů. Kitsch wird geschickt vermieden, und der Chor hinterlässt einen starken Eindruck.

          Topmeldungen

          Russlandpolitik der SPD : Nah an Putin

          In Niedersachsen laufen viele Fäden der Russlandpolitik der SPD zusammen. Sie wähnt sich im Geiste Willy Brandts, hat aber viel mit Geschäften zu tun. Ein Beispiel: Sigmar Gabriel.
          2019 erst eröffnete Apple ein neues Bürogebäude in Cupertino. Dennoch arbeiten viele Mitarbeiter des Unternehmens lieber vom heimischen Schreibtisch aus.

          Homeoffice im Silicon Valley : Apple und der Homeoffice-Knatsch

          Die amerikanischen Tech-Konzerne gelten als Traum-Arbeitgeber. Aber jetzt stehen viele schicke Büros leer. Ist Anwesenheitspflicht die Lösung? Vor allem bei Apple gibt es nun deshalb richtig Knatsch.

          Sturm „Emmelinde“ : Mehr als 50 Verletzte und ein Toter in Deutschland

          Sturm „Emmelinde“ ist am Freitag über Teile von Deutschland hinweggefegt. In Paderborn und Lippstadt sorgten Orkanböen für Verwüstung, auch in Rheinland-Pfalz wurden manche Regionen schwer getroffen. Ein Mensch starb in Wittgert im Westerwald.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch