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Peter Raue zum Achtzigsten : Herr der tollen Fliegen

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Lässt sich auf jedes künstlerische Abenteuer ein: Peter Raue Bild: dpa

Quirlig, hellwach, charmant: Er holte die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art nach Berlin und vertrat Mandanten wie Frank Castorf und Heiner Müller. Nun wird der Anwalt und Kunstfreund Peter Raue achtzig Jahre alt.

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          Als er letztens Bargeld am Schalter seiner Bank abholen wollte und den Personalausweis vergessen hatte, half ihm sein Renommee: „Das ist Mister Moma, der ist vertrauenswürdig, dem können Sie das Geld ruhig geben“, meldete sich hinter ihm lautstark eine Dame, die er bislang nie gesehen hatte. Der Schalterbeamte zahlte ihm daraufhin umgehend den Betrag aus.

          Peter Raue, geboren 1941 in München und seit 1961 Wahl-Berliner, hat sich mit der erwähnten Moma-Ausstellung ins Herz und in die Annalen der Stadt geschrieben. Denn 2004 holte er, als das New Yorker Museum of Modern Art wegen Renovierung geschlossen war, dessen grandiose Sammlung nach Berlin. Das Gastspiel wurde ein sensationeller Erfolg, die Warteschlange vor der Neuen Nationalgalerie war tagtäglich kilometerlang. Es war ein Spektakel der Extraklasse – und der unermüdliche Peter Raue dessen Erfinder, Organisator, Mentor und strahlendes Gesicht.

          Begeisterung für alle schönen Künste 

          2007 wiederholte er den Coup, als im Metropolitan Museum of Art renoviert wurde, und brachte 150 Gemälde französischer Kunst unter dem Titel „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ abermals in die Neue Nationalgalerie. Damit beendete er seine Tätigkeit als Vorsitzender des „Vereins der Freunde der Nationalgalerie“, den er 1971 mit sechs weiteren Berlinern gegründet hatte und der unter anderem 1982 Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV“ erwarb: „Vielleicht das wichtigste Bild, mit dem ich in meinem Leben zu tun hatte“, meinte er 2017.

          Obwohl man es bei seiner Begeisterung für alle schönen Künste manchmal vergessen könnte, ist Peter Raue eigentlich Anwalt und Notar, Spezialgebiet: Urheber-, Kunst- und Restitutionsrecht. Er ist bis heute beruflich aktiv und vertritt seine Klienten nach wie vor bei Gericht. Doch Peter Raues Berufung ist eindeutig die Kunst, und bis zur Corona-Pandemie mit der Schließung der kulturellen Einrichtungen verging wohl kein Abend, an dem der quirlige, hellwache, charmante und immer schlagfertige Peter Raue nicht in der Oper, im Konzert, im Theater, bei einer Vernissage oder Lesung anzutreffen gewesen wäre.

          Die Idee von einer menschlicheren Welt

          Kein Wunder, dass zu seinen Mandanten Künstler wie Frank Castorf, Peter Konwitschny, Heiner Müller, Botho Strauß oder Claus Peymann zählten. Die Berliner Philharmoniker vertrat er ebenso wie den Suhrkamp Verlag, und wenn ein Kultursenator in Berlin gesucht wurde, fiel häufig sein Name. Raue aber ist ein euphorischer Liebhaber und leidenschaftlicher Bewunderer mit ausgeprägtem Möglichkeitssinn, kein Politiker mit Wirklichkeitssinn, der – je nach Lage der Dinge – Gelder verteilen oder streichen muss. Stets bereit, zu loben und zu applaudieren, lässt sich Peter Raue auf jedes künstlerische Abenteuer ein, ob auf postmigrantische Performances im Maxim Gorki Theater oder auf Mozarts Requiem als Pferdeballett bei der Salzburger Mozart-Woche, ob auf Christoph Schlingensiefs genreübergreifende Bizarrerien und sein „Operndorf“ in Afrika oder die verrückten Revuen der „Geschwister Pfister“ in einem Unterhaltungszelt wie der „Bar jeder Vernunft“. Er kennt keine Berührungsängste und fürchtet sich auch nicht vor der leichten Muse, deshalb setzte er sich zum Beispiel auch für den Erhalt der beiden Berliner Ku’damm-Bühnen ein, die als überregional bekannte Boulevardtheater dennoch ihren Stammsitz verloren.

          Peter Raue, der oft per Fahrrad unterwegs ist und sich dabei mit einer glänzenden Kopfbedeckung schützt – ein Geschenk von Freunden, die ihn so zum „Mann mit dem Goldhelm“ machten –, hat sich schon lange die Freiheit erarbeitet, ganz nach seiner Façon leben zu können, das heißt für die Kunst, also im Grunde für seine Idee von einer besseren, schöneren, menschlicheren Welt.

          Über 600 Kunstexponate umfasst seine Privatsammlung, die er nach Lust und Laune zusammengetragen hat, eine reine Freude für ihn, ohne kuratorische Stringenz oder Marktstrategie und nur mit Werken von Künstlern, die er kennenlernen konnte und deren Zeitgenossenschaft ihn anregte.

          Obwohl er mit viel Prominenz verkehrt, ist der Herr der Fliegen, von denen immer eine seinen Hemdkragen ziert, allzeit und allseits ansprechbar, ein sympathischer, großherziger Kavalier durch und durch. Und wenn man ihn vor manchen Premieren kaum sieht, weil ihm alle die Hand schütteln oder ihn umarmen möchten, sind ihm doch die Aufführungen ohne Pause am liebsten. Dann kann er sich nämlich – ohne Bussi-Bussi, Sekt und andere Ablenkungen – auf das konzentrieren, was ihm neben seiner Familie am wichtigsten ist: Peter Raue ist von Kopf bis Fuß auf Kunst eingestellt und sonst gar nichts. An diesem Donnerstag wird er achtzig Jahre alt.

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