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Architekt Jacques Herzog : Er gibt der Fassade Tiefe

Sein Büro verantwortete das Londoner Museum „Tate Modern“: Jacques Herzog vom Architektenduo Herzog & de Meuron. Bild: James Veysey/CAMERA PRESS/laif

Zusammen erschufen sie die Hamburger Elbphilharmonie und die Münchner Allianz-Arena, man kennt sie nur als Duo Herzog & de Meuron. Doch heute feiert nur er Geburtstag: Zum Siebzigsten des Architekten Jacques Herzog.

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          Anfang der achtziger Jahre entstand im schweizerischen Oberwil ein kleines Haus, das auf den ersten Blick ganz unscheinbar wirkte: schmal, mit traditionellem Satteldach. Erst wenn man sich näherte, entdeckte man, das sich darin ein ganzes Zauberwerk von Spielen mit Proportionen und Materialien entfaltete. Die beiden runden Fenster sprangen kunstvoll aus der Achse, die Steinfassade war auf japanisch leichte Weise blau lasiert, die Farbe schien so eher wie ein Nebel über den festen Stein zu wehen, traditionelle Holzbalkone und moderne, betonbrutalistisch eingefasste Kugelfenster fanden auf erstaunliche Weise zusammen. Alles, was das Architektenduo Herzog & de Meuron später berühmt machen sollte, war schon in diesem Haus angelegt: der erstaunliche Sinn für tiefe Oberflächen, die Fähigkeit, traditionelle Materialerfahrungen und Raumtypen mit den Errungenschaften der Moderne zu fusionieren und Effekte zu erzeugen, die man so noch nie erlebt hat.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das blaue Haus war eines der ersten Projekte des Büros, das die Basler Grundschulfreunde Jacques Herzog und Pierre de Meuron 1978 gegründet hatten. „Herzog & de Meuron“ wurde bald zu einem der wichtigsten Markennamen in der Architekturwelt, der eine kaum je ohne den anderen erwähnt, viele, die ihre Architektur bewundern, kennen die Vornamen gar nicht, so wie viele nicht wissen, dass hinter „Rolls Royce“ zwei Herren mit Vornamen Charles und Henry steckten.

          Mit Schwung: Das undatierte Handout des Schweizer Architekturbüros Herzog/de Meuron zeigt den Entwurf eines Lesesaals des geplanten Neubaus der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem.
          Mit Schwung: Das undatierte Handout des Schweizer Architekturbüros Herzog/de Meuron zeigt den Entwurf eines Lesesaals des geplanten Neubaus der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem. : Bild: dpa

          Bereits die ersten Projekte zeugten von einer Liebe zum damals noch unpopulären, für unmodern gehaltenen Material Holz. Ein Haus steht wie ein großes Musikinstrument mit Dachüberhang à la Frank Lloyd Wright auf der Wiese. In Paris bauten sie im 14. Arrondissement einen Wohnkomplex mit Gemeinschaftsgarten, dessen gesamte Hoffassade von Holzjalousien dominiert wird, die Bewohner nach Belieben öffnen und schließen können. So entsteht ein lebendiges Kollektivbild – mal liegt das Gebäude wie ein schläfriges Tier da, mal leuchtet es wach aus allen Öffnungen. Schon in diesem Projekt erkennt man eines der architekturgeschichtlichen Verdienste des Büros: die Tiefwerdung der Fassade, die nicht mehr nur Innen und Außen trennt, sondern zu einem eigenen, lebendigen Raum wird.

          International bekannt wurden Herzog & de Meuron mit Kulturbauten wie dem Glas- und Betonkubus für die Sammlung Goetz in München, der selbst an eine Minimal-Art-Skulptur erinnert. Oder dem Umbau eines Londoner Kraftwerks zur „Tate Modern“ und schließlich der berühmten Elbphilharmonie, der es gelang, vom finanzierungspolitischen Desaster zum geliebten Symbol des neuen Hamburgs zu werden.

          Einer der wichtigsten Markennamen in der Architekturwelt: 1978 gründeten die Basler Grundschulfreunde Jacques und Pierre das Architekturbüro „Herzog & de Meuron“. (Archivbild von 2017)
          Einer der wichtigsten Markennamen in der Architekturwelt: 1978 gründeten die Basler Grundschulfreunde Jacques und Pierre das Architekturbüro „Herzog & de Meuron“. (Archivbild von 2017) : Bild: dpa

          Dass die Architekten trotz verzehnfachter Baukosten weitgehend ungeschoren davonkamen, liegt auch an der Qualität des wie ein schmelzender Eisgletscher auf den alten Kaispeicher A aufgesetzten Bauwerks, das eine für alle kostenlose öffentliche Terrasse mit Blick auf die Elbe und den Hafen bietet. Der steile Konzertsaal positioniert die Besucher näher an der Musik – ganz so, wie die Zuschauer in Herzog & de Meurons Münchner Allianz-Arena dichter ans Geschehen gerückt werden. Beide Gemeinschaftsorte führen vor, wie Raum durch Verdichtung und Dramatisierung ein Erlebnis verstärken kann; sie sind, wie jede bedeutende Architektur, Wahrnehmungs-Intensivierungsmaschinen, in denen man das jeweilige Spiel auf eine Weise erleben kann wie nie zuvor.

          Man kann sich, auch das ist eine Qualität von Jacques Herzog, stundenlang mit ihm streiten, ob der Entwurf seines mittlerweile mehr als vierhundert Mitarbeiter umfassenden Büros für das Berliner Museum der Moderne eine ähnliche Qualität hat oder nicht, ob das nur eine kostspielige Monumentalscheune wird, oder ob es die Typologie des Museums so revolutionieren kann wie sein „Schaulager“ bei Basel. Am heutigen Sonntag wird Jacques Herzog siebzig Jahre alt.

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