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Zürcher Kunstschau Manifesta : Was die Leute alles für Geld machen

  • -Aktualisiert am

Kunstinstitution trifft auf Arbeitswelt

Viele Großausstellungen haben versucht, Kunst und soziale Umwelt zu verknüpfen, so auch die Manifesta, die vor zwanzig Jahren mit EU-Geldern gegründet wurde, um vor allem junge Kunst in strukturschwache Regionen zu bringen, wie zuletzt ins spanische Murcia oder in die einstige belgische Kohleregion Genk. Aber bislang ist keine Ausgabe so sehr ins soziale Gewebe der Stadt eingedrungen wie hier im nicht gerade strukturschwachen, dafür kunstaffinen Zürich, das seine Chance witterte, sich zum hundertjährigen Dada-Jubiläum als internationale Kunstmetropole zu inszenieren.

Das verdankt sich dem niederschwelligen Konzept, das der Künstler Christian Jankowski als Gastkurator entwickelt hat. Jede Neuproduktion besteht aus zwei Teilen, von denen der eine in einer Kunstinstitution gezeigt wird und der andere im Umfeld des Gastgebers. So steigt man in der Bahnhofstraße ins Untergeschoss der Filiale des Uhren- und Schmuckkaufhauses „Les Ambassadeurs“, wo sich vor der Reparaturannahme rasselnd und quietschend eine kinetische Skulptur dreht, die Jon Kessler mit dem Uhrmachermeister Adriano Toninelli entwickelt hat. Ihr Wiedergänger findet sich auf der anderen Seite der Limmat im Helmhaus. Kunstinstitution trifft auf Arbeitswelt, Künstlerisches auf Konkretes.

Im Cabaret Voltaire, dessen Bühne im kühlen Corporate-Stil gestaltet ist, finden allabendlich Performances statt. Hinein kommt nur, wer, ob Künstler oder nicht, auch selbst performt. Und statt der üblichen akademischen Legitimitationsprosa erklären im Katalog die Gastgeber die Werke und lehren einen dabei manches über Kunst. „Während ich die Schönheit suche“, erzählt die Zahnärztin Danielle Heller Fontana über ihre Zusammenarbeit mit dem Fotografen Torbjørn Rødland, „sucht er in seinen Bildern das Besondere.“ In ihrer Praxis begrüßen nun Stillleben aus gezogenen Zähnen, Prothesen und Essensresten die Patienten; die wirklich unangenehmen Motive hängen aber in der Kunsthalle.

Mit einer schwimmenden Plattform im Zürichsee haben Studenten der ETH eine konstruktivistische Ikone geschaffen; dort dokumentieren auf einer Leinwand ebenfalls von Studenten und Schülern gedrehte Kurzfilme die Herstellung. „Du solltest auch mal mittrainieren“, rät Thai-Boxing-Weltmeister Azem Maksutaj dem jungen Tschechen Matyas Chochola; der antwortet: „Aber ich muss doch über mein Kunstwerk nachdenken.“ Und Michel Houellebecq lungert wortkarg im Sprechzimmer von Henry Perschak, dem Chefarzt der Klinik Hirslanden, und bestellt Computertomographien seines Kopfs und seiner rechten (Schreib-)Hand. Perschak hätte gerne gesehen, wie sich das Hirn des Schriftstellers als Skulptur im Raum dreht. Houellebecq aber hat sich entschieden, die Scans leicht bearbeitet im Helmhaus zu präsentieren, in grellem Kliniklicht. In der Klinik selbst liegen Kopien der Krankenakte zum Mitnehmen aus.

Immer wieder hat Christian Jankowski in seinen Arbeiten Idealisierungen entlarvt, etwa wenn er Vertreter des Vatikans einen Jesus-Darsteller besetzen ließ oder in der Staatsgalerie Stuttgart den Leiter der Haussicherheit zum Kurator kürte. In Zürich ist ihm aber seine bislang beste Arbeit gelungen: weil nämlich seine Moderation sozialer Prozesse nicht eingesperrt ist im Einzelwerk oder der Einzelausstellung, sondern ein vielstimmiges Projekt in Gang gesetzt hat, dessen Ausgang von unzähligen Beziehungen abhing. Jankowski kommt dabei ohne übergestülptes Konzept aus. Er nimmt die gesellschaftliche Realität, wie sie ist, und stellt sie mit der Kunst auf den Prüfstand. Dabei wird deutlich, dass es die Idealismen, mit denen Kunst oft verstellt wird, gar nicht braucht.

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