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Retrospektive Peter Weibel : Mann der Möglichkeiten

Ganz bei sich: Peter Weibel zwischen seinem „Selbstportrait als junger Hund“ (links) und dem „Selbstportrait als Frau(enmund)“ Bild: Felix Grünschloß/ZKM

Peter Weibel hört beim ZKM in Karlsruhe nicht auf. Warum auch? Seine Retrospektive zeigt, dass er stets vorausahnte, was der Gesellschaft blüht. Als nächstes wären das die „Biomedien“.

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          Rente mit vierzig? Peter Weibel schüttelt den Kopf und eilt mit kurzen, schnellen Schritten weiter durch die ihm gewidmete Ausstellung in seinem Museum, dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Dass es Menschen geben soll, die frühstmöglichen Ruhestand anstreben, ist dem Fünfundsiebzigjährigen völlig unverständlich. Kein Wunder, hat er doch für sich selbst gerade den drohenden Abschied vom Posten des künstlerisch-wissenschaftlichen Vorstands des ZKM abgewendet, den er seit zwanzig Jahren innehat – und in dem er und das Haus praktisch Synonyme geworden sind.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Bei der Jubiläumsfeier zum dreißigjährigen Bestehen des vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Karlsruhe getragenen Hauses aber flammte im Oktober offen ein Streit auf, der hinter den Kulissen schon länger geschwelt hatte: Es ging um die Zukunft des ZKM, die nach dem Willen der einen – allen voran des Karlsruher Oberbürgermeisters Frank Mentrup – von 2020 an durch einen noch zu findenden Nachfolger Peter Weibels gestaltet werden sollte, wogegen die anderen – wie der Vorsitzende des ZKM-Kuratoriums Manfred Popp, der ehemalige Stiftungsrat Erwin Vetter sowie Künstler wie Markus Lüpertz und Heinz Mack – protestierten.

          Er hat noch viel vor

          Weibels Unterstützer setzten sich durch. Der Österreicher soll bleiben. Nicht so lange, wie er selbst gewollt hätte, nämlich fünf Jahre, doch immerhin bis Ende März 2023 wurde sein Vertrag verlängert. Zwei große Ausstellungsprojekte will er bis dahin verwirklichen, und diese wurden von der Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski im Dezember auch als Begründung für Weibels Verbleib herangezogen: eine Schau über Anselm Kiefer und eine Medienkunst-Ausstellung unter dem Titel „Renaissance 2.0“.

          Im Bannkreis der Bildschirme: Peter Weibel entlarvt in der Installation „Beobachtung der Beobachtung“ schon 1973 die Mechanismen medialer Überwachung.
          Im Bannkreis der Bildschirme: Peter Weibel entlarvt in der Installation „Beobachtung der Beobachtung“ schon 1973 die Mechanismen medialer Überwachung. : Bild: Archiv Peter Weibel / Werner Schulz

          Doch kein Wort von überwundenen Querelen jetzt. Der Kurator, Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel blickt in seiner – hintersinnig das historisierende Präfix „retro“ vermeidenden – Retrospektive unter dem Titel „respektive Peter Weibel“ zurück auf Erfreulicheres: sein vielfältiges, immer wieder wegweisendes und ein untrügliches Gespür für die Themen der jeweiligen Stunde offenbarendes Schaffen als Medien- und Konzeptkünstler. Und was hat der 1944 in Odessa geborene Adoptiv-Wiener Weibel, der in Paris und Wien erst Filmwissenschaft und Komparatistik, dann Medizin und schließlich Mathematik mit Schwerpunkt Logik studierte, nicht alles ausprobiert, vorgedacht und mitgemacht in den sechs Dekaden, die sein Werk umspannt.

          In den sechziger Jahren machte er mit den Aktionisten um Hermann Nitsch und Otto Mühl „Kunst & Revolution“ im Hörsaal. Er ließ sich von seiner Lebensgefährtin Valie Export angeleint auf allen Vieren spazieren führen („Aus der Mappe der Hundigkeit“) und plazierte einen „Stöhnenden Stein“ als „nicht-humanes Gedicht“ im Park, was ihm eine von vielen Anzeigen einbrachte, hier wegen Störung der öffentlichen Ordnung. Weibel verbrannte sich sprichwörtlich die Finger, nähte sich als konkreter Poet der anderen Art Lyrik in den Arm und zementierte 1972 für „Raum der Sprache“, um diesen als Gefängnis zu entlarven, die Zungenspitze ein. Den Riss, den er sich dabei an dem Organ zuzog, zeigt er neben einem Foto der Aktion vor.

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